Diepholz 1789
Diepholz Beschreibung
Diepholz 1789
Es wechseln Stroh und Ziegeldächer. Merkürdige Ge-
bäude sind nur Drostei und Münte. Jene ist die Wohnung
des jedesmaligen Landdrosten, war ehedem Jagdschloß der
Grafen, als sie noch in Cornau ihren Sitz hatten. Die
Kirche in Diepholz ist alt und verfallen, halb massiv. Schulen
sind hier zwei. Die eine besorgte ein studierter Rektor, welchem
der Organist in die Hände arbeitet. Die andere ist einem
Schulmeister anvertraut und gehört für eine Art von Vor-
stadt, der Willenberg genannt.
Dieser Flecken hat ein eigenes Gericht, welches aus einem
Bürgermeister, 2 Ratmännern und einem Syndikus besteht, der
die Rechtsgeschäfte versieht. Die Einwohner leben von Acker –
und Gartenbau, Handlung und Handwerken, haben 2 Märkte
jährlich. Auch ist hier eine Art von Manufactur, welche den
bekannten, groben Fries, rot und greis, liefert. Den roten
tragen die Bauerntöchter häufig zu Unterröcken; den greisen
gebrauchen die Diepholzer gewöhnlich zur Bekleidung ihrer
Armen. etwas wird nach Holland zur Matrosenkleidung aus –
geführt. Die Elle kostet jetzt 14 gr. Conv. G. Übrigens
ist der Umgangston in Diepholz so gut, wie er sein kann in
kleinen Städten, ungezwungen, frei und gesellig.
Mit Ausschluß der einquartierten Dragoner, Offiziere,
Exoffiziere, deren Frauen, Kinder und Verwandten :
Hauswirte, Söhne, Knechte : 842
Eheweiber, Töchter, Mägde : 776
Heuerlinge und deren Söhne : 308
deren Weiber und Töchter : 266
Leibzüchter und Invalide : 106
alte Weiber : 151
Knaben : 620
Mädchen : 560
Alt und Jung : 438
zusammen 4067
Hierunter sind
5 Krämer
11 Krüger
17 Brenner und Brauer
2 Maurer
5 Zimmerleute
1 Leinweber
6 Radmacher
12 Schneider
18 Schuster
5 Schlosser
2 Bäcker
4 Schmiede
6 Tischler
4 Drechsler und Faßbinder
2 Wollhändler
2 Kesselhändler
1 Böttcher
1 Tabakspinner
1 Weißgerber
2 Höker
4 Müller zusammen 112
Dagegen fehlt es an Zinngießern, Töpfern, Färbern, Uhrmachern und
Buchbindern
Im Ganzen ist keine Ausfuhr an Roggen. Ja die Brauer und Brenner
kaufen sogar noch auswärts zu.
[Heimatblatt Nummer 1, 20.04.1930; 4 Jahrgang, Seite 7]
Der Diepholzer
Beschreibung des Diepholzers (ohne Quellangabe aus den Diepholzer Heimatblättern)
1 Im ganzen sind die Eingesessenen mehr gutmütig als bös.
Der Beweis scheint mir darin zu liegen, dass in diesen
Gegenden keine Laster herrschen, die man sonst wohl bei Land-
leuten antrifft. z.B. Lüderlichkeit. – Dagegen sind sie sehr
mitleidig und zu helfen bereit, soviel es und so lange sie können
– aber auf der anderen Seite zeigen sie eine deutliche Festigkeit
im Charakter, die überhaupt bei ihrer Behandlung Gelindigkeit
und Milde erfordert. Strenge darf daher nur im
äußersten Notfall angewandt werden.
2 Zwar verspricht der erste Anblick des Diepholzers Landmannes nicht viel.
Die wenigsten haben ein rotes und gesundes
Ansehen, vielmehr sehen die mehrsten blaß und gelblich aus.
Hierzu kommt ein gewisser ernsthafter freudloser Blick, der
gutenteils in der abgeschiedenen Lage des Amtes seinen Grund
hat. Denn entfernt von großen Städten stellt sich ihrem Ge-
sichtskreis nichts wie ein ewiges Einerlei dar.
3 In der Kultur sind die hiesigen Landleutenoch um ein halb Jahrhundert zurück.
Es herrschen unterihnen noch manche patriarchalischen Gebräuche und man findet
auch viele Mängel der sittlichen Begriffe und Spuren des ge-
heimen Aberglaubens bei ihnen
4 Doch sind sie im Äußeren höflich und bescheiden und es ist eine Verläumdung,
wenn der Diepholzer Landmann ein
Beispiel zu dem bekannten Urteil vom (groben) Westphälinger
sein soll. Mindestens darf er nicht dem Calenberger, Deister
oder Wendbauern verglichen werden
5 Er ist arbeitsam, still und fleißig. Man erzählt Beispiele
von Leuten, die sich zu Tode gearbeitet hätten.
6 Auch ist er zufrieden und genügsam. Daher bedarfer weniger
Vergnügungen. Lustbarkeiten sind so selten, dass
man kaum einmal Sonntags in der Schenke die Geige hört. –
Dagegen ist der hiesige Landmann bei weitem nicht so
munter als z.B. im Hessischen, in der Rheingegend oder in
Obersachsen, wo fast jeder Bauer sein Instrument spielt. –
Bei ihm scheint das Gefühl des Frohsinns zu schlummern. Denn
jene Zufriedenheit grenzt sehr oft an Gleichgültigkeit.
7 Religiös. Er besucht fleißig und regelmäßig die öffentlichen
Gottesdienste und hält nach seiner Art auch seine Hausandacht
8 Die Kleidung des Diepholzer Landmanns ist alltagssehr einfach
und wohlfeil. Sie besteht aus einem Gewebe,
welches die Weiber aus Leinen mit Wolle vermischt sich selber
bereiten, Beiderwand genannt. – Hiernächst tragen sowohl
Mannspersonen als Frauensleute sämtlich sogenannte
Holsken… Aller Staat ist dem Sonntage und anderen Fest-
lichkeiten vorbehalten, als Hochzeiten , Kindtaufen u. dergl.,
da die Weiber schon Gold und Silber zu tragen anfangen.
9 Der Landmann hält sich wenig in Stuben auf, sondern die
mehrste Zeit auf der Diele, wo das Feuer auf der
Erde brennt, um welches die ganze Familie im Kreise herum
sitzt. Eine ausgezeichnete Gewohnheit, die vielleicht aus Holland
stammt (?), woher sie durch die Hollandgänger kommen
konnte.
10 Bei Hochzeiten wir ordentlich traktiert. Fleischbrühe,Gemüse,
Rindfleisch, Gänsebraten und Reis sind die gewöhnlichen
Speisen, wozu Bier und Branntwein getrunken wird.
Also nicht die Kostbarkeit der Speisen, sondern die Menge der
Gäste verursacht hier Aufwand, indem nicht selten 100 „Haus“
geladen werden.- Bei Leichenbegängnissen und in der Ernte
wird ein sogenanntes Bier gegeben.
11 Der Aberglaube herrscht noch sehr in unserer Grafschaft :
und es hält schwer diese Ungeheuer auszurotten; weil
der Landmann nichts so geheim verbirgt, wie diese seine Zuflucht
in mancherlei Nöten.—Hexen werden noch fast durchgängig
geglaubt, für welches ein Gericht nach Art der Gottesurteile
statt hat. Wunderkuren werden verrichtet. Gebet und
Äußere Andacht muß für alles helfen, nicht allein den
Himmel öffnen, sondern auch unheilbare Gebrechen kurieren.
Die Krankheit soll nach dem Genusse des Nachtmahls sofort
sich ändern, sei es zum Leben oder zum Tode – und was desgl.
Unsinns mehr ist.
12 Was endlich die Kirchenverfassung unserer
Grafschaft betrifft, so findet die öffentliche Kirchenbuße hier noch
statt. Gleichwohl bleiben die Verfehlungen jahraus jahrein
sich völlig gleich. Arme Sünderinnen setzten sich ruhig in
einen Winkel und hören fühllos den Spruch des Predigers an,
ohne sich hernach zu bessern.—Reiche kaufen die Strafe mit Geld
ab.
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