Diepholzer Sagen
Frau am Diepholzer Schlossgraben
Die Frau am Diepholzer Schloßgraben.
In Diepholz hauste vor Jahrhunderten ein Graf, der ein un-
stetes Leben führte und mehr in der fremde weilte, als daheim
im eigenen Schloß. Endlich aber war er des Umherziehens in der
Welt müde, nahm ein junges Edelfräulein zum Weibe und
kehrte in die Heimat zurück, um im Schloß seiner Väter sich eines
Stillen Glückes zu erfreuen.
Als nach feierlichem Einzuge der Graf seine Gemahlin in
die für sie hergerichteten Gemächer führte, entnahm er dem
Schatze der Ahnfrauen seines Geschlechts einen kostbaren Ring,
steckte ihr den an den Finger und sagte : Solange dieser Gold-
reifen an deinem Finger glänzt, wird Haus und Heimat mir
lieb sein und kein Unheil unseren Frieden stören. darum gib
acht auf dieses Kleinod, und sei eine treue Hüterin unseres
Glückes !
Die Gräfin nahm das Wort zu Herzen und ließ den Ring
bei Nacht und Tage nicht vom Finger. Als sie aber eines
Sommerabends mit Ihrer Dienerin durch die Schloßwiesen ging,
kam sie die Lust an, im Wasser der Lohne zu baden.
Im Schutze der Ufergebüsches entledigte sie sich ihrer Klei-
dung, streifte den Goldreif vorsichtig über ein junges Erlen-
reis und tauchte die weißen Glieder in die kühle Flut.
Nach dem Bade war der Gräfin entfallen, wo sie den Ring
geborgen hatte. Sie meinte, ihn auf ihr Gewand gelegt zu
haben. Doch alles Suchen blieb erfolglos. Bedrückten Herzens
kehrten Magd und Herrin nach eingetretener Dunkelheit ins
Schloß zurück.
Als der Graf den Verlust des Ringes erfuhr und nun die
näheren Umstände erfragte, meinte er, es könne nicht anders
sein, die Dienerin müsse das Kleinod genommen haben. Die
aber behauptete ihre Hände seien rein von solcher Missetat.
Da alle Ermahnungen nichts fruchteten und auch unter der
Folter die Magd ihre Unschuld beteuerte, gab der Graf den
Befehl, der Diebin die rechte Hand abzuhauen. So mußte das
Mädchen die Hand auf den Block legen, und der Henker waltete
seines Amtes.
Da hob die Magd den blutenden Armstumpf, berührte die
Blätter eines jungen Buchenschößlings und rief mit klagender
Stimme : „So gewiß dieses Bäumchen fortan niemals grüne
Blätter tragen wird, so gewiß bin ich unschuldig !“
Nun ließ der Graf in aufwallendem Zorn die verstockte
Sünderin in den Schloßgraben werfen, wo sie elendiglich ertrank.
Jahre vergingen, und die letzten Worte der un-
schuldigen Magd waren bald vergessen. Als aber im Schloß-
garten am Rande des Grabens eine Blutbuche emporwuchs,
senkte sich ein düsterer Schatten auf das Glück des gräflichen
Paares. Zweifel an der Schuld der Dienerin zermürbten der
Schloßfrau das Herz.
Nach Jahren brachten die Knechte, die am Ufer der Lohne
Holz gefällt hatten, den Stamm eines Erlenbaums ins Schloß,
in den der kostbare Ring ganz eingewachsen war.
Mit Entsetzten starrte die Gräfin auf das blitzende Kleinod;
denn mit furchtbarer Deutlichkeit stand es plötzlich vor ihrem
geistigen Auge, wie sie selbst an jenem Unglücksabend den Ring
über das Erlenreis streifte.
In der Frühe des nächsten Morgens zogen die Knechte die
Leiche der unglücklichen Herrin bei der Blutbuche aus dem Wasser.
Doch auch dem Grafen ließ es keine Ruhe. Das unheim-
liche Gespenst einer Blutschuld wandelte durch die Säle und
Kammern des Schlosses. Da schleuderte der Schloßherr den
Unglücksring ins Wasser und zog wieder in die Fremde. Nie
hat sein Fuß den Heimatboden wieder betreten, und keine Kunde
hat man je von ihm vernommen.
in stillen Sommernächten, wenn um die Dächer des Schlosses
das fahle Mondlicht spielt, hockt am Schloßgraben ein bleiches
Weib in wallendem Schleier und senkt gebeugten Hauptes den
Blick in die schwarze Flut, die wie ein dunkles Schicksalsauge un-
ergründlich und unbewegt zum nächtlichen Himmel emporstarrt.
aus : Diepholzer Heimatblätter Nummer 1 vom 11.05.1924
geschrieben von August Kuckuck
Riese am Dümmer
Der Riese im Dümmer
Vor uralten Zeiten lebte hierzulande ein Volk von unge-
schlachten Riesen. Sie wühlten Berge um, tranken Teiche aus
und spielten Knicker mit Kieselingen so groß wie ein Heuwagen.
Einmal kam ein Riese nach einer langen Tagereise in die Gegend
von Marl. Weil seine Füße ihm weh taten, beschloß er,
ein Nachtlager zu suchen. Er legte sich lang in den Sand an der
Stelle, wo heute der See sich ausbreitet. Von seinem gewaltigen
Schnarchen flohen die Tiere weitumher und das kleine Volk kam
neugierig aus seinen Erdlöchern, zu sehen, was dort wohl wäre.
Mutwillig kitzelten die Zwerge den Schläfer mit einer langen
Stange im Ohre, bis der Riese zuletzt zornig aufsprang. Die
letzten Zwerge sah er eben in ihre Erdlöcher schlüpfen. Wütend
fing er an , den Erdboden mit den Händen aufzuwühlen, wie
ein Hund, der nah Mäusen kratzt. Sand und Steine flogen zur
Seite, bis ein breiter Bergrücken entstand, der heute noch bei
Damme zu sehen ist. Aber er fand nichts.
Am anderen Morgen sah er, was ihn im Holzschuh gedrückt
hatte. Als er nämlich sein Holschen ausklopfte, fiel ein Kiesel-
stein heraus, an Gewicht wie ein fetter Ochse. Fröhlich sprang
er auf und setzte seine Reise fort. An der Stelle aber, wo er
die Holzschuhe ausklopfte, war ein mächtiger Hügel, die Marler
Höhe, entstanden, und wo er sich in der Nacht gewälzt hatte,
steht jetzt ein breites Gewässer: der Dümmer.- Wo haben die
Kerle nur das Holz zu ihren klobigen Holschen gefunden?
Diepholzer Heimatblätter Nr. 4 vom 31 August 1924
Verlathsbrücke
Die Verlathsbrügge
Zwischen den Orten Wetscherhardt und St. Hülfe im Diepholzischen fließt ein kleiner Heidbach, über welchen eine jetzt schon beinahe zerfallene Brücke führt. Sie wird von den Leuten der Umgegend Verlathsbrügge genannt und soll auf ihr einst ein alter Mann, der in der ganzen Gegend als Erzbetrüger und Leuteschinder bekannt war, zu Tode gekommen sein. Er war auf dem St. Hülfer Markt gewesen, allwo er sein betrügerisches Handwerk wiederum mit großem Erfolg betrieben und spät abends hatte er heimkehren wollen mit einem grossen Beutel voll Geld, um das er die armen Bauern geprellt, beladen. Als er aber auf dem Wege in die Dunkelheit die Verlathsbrügge überschreiten wollte, da ereilte ihn die gerechte Strafe für seine bösen Taten : ein Brett der Brücke zerbrach, der Bösewicht fiel hindurch ins Wasser und musste elendiglich ertrinken. Seit der Zeit aber muß er neben der Brücke umgehen; er lässt sich jede Nacht sehen als schwarze Gestalt, bald sitzt er unter der Brücke und versucht die Bretter hinwegzuziehen, wenn Menschen hinüber gehen, bald wandert er in der Nähe der Brücke ruhelos auf und ab und erschreckt die furchtsam Vorüberreisenden. Einst sah sich ein Mann, der in später Nacht die Brücke noch passieren musste , das Gespenst dort umgehen. Da er aber zu denen gehörte, die sich nicht so leicht fürchten, so rief er ganz beherzt : „ Kumm, wutte mit ?“ In demselben Augenblick fühlte der Furchtlose eine gar gewaltige Last auf seinem Rücken, die er ganz bis St. Hülfe schleppen musste. Keuchend und stöhnend kam er endlich hier an und als er seine Wohnung erreicht hatte, fühlte er sich plötzlich frei, im Umsehen bemerkte er jedoch, den schwarzen Mann, der höhnisch lachend ganz in seiner Nähe stand. „Also das Ungetüm habe ich tragen müssen!“ rief halblaut für sich der tapfere Bauersmann, und lief dann rasch in sein Haus, um eine Laterne zu holen. Nachdem er sie angezündet und unter seinem Mantel verborgen , kam er wieder auf den Hof, und wie er nun den schwarzen Mann dort noch stehen sah, fings ihm doch ein wenig zu gruseln an. Als er jedoch die Laterne unter seinem Mantel hervorzog, um sich den schwarzen Mann einmal näher bei Lichte zu betrachten, siehe, da war das Gespenst verschwunden
[Vörlat = plattdeutsch = zweites Gesicht]
aus : Diepholzer Heimatblätter
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