Pi Btl 223
Pionier Btl 223
Hier wird in Schritten ein Tagebuch des 223. Pionier Bataillons (Pi Btl 223) veröffentlicht (Frankreichfeldzug 11.03 1940 - 29.10.1941 fertig*). Das Tagebuch enthält neben der eingestellten Karte mit den Kurzbemerkungen eine 108 Seiten lange sehr detaillierte Aufzeichnung aus dieser Zeit des Krieges. Jedes unerlaubte Kopieren oder anderweitige unerlaubte Verwenden dieser Daten ist verboten ! Jeder, der Interesse an einer wissenschaftlichen Auswertung dieses Tagebuchs hat, kann einen Link setzten oder sich mit uns in Verbindung setzten. Jede Verwendung in rechtsgerichteten Foren, Webseiten u.ä. ist verboten !
Beschriftung der Karte hier.
Bemerkung des Veröffentlichers :
Warum sollte man ein altes Tagebuch nicht dort lassen wo man es findet, im Keller oder auf dem Dachboden ? Was könnte ein altes Tagebuch helfen, das im Internet veröffentlicht wird ? Mit Sicherheit ist die Verklärung dieser schlimmen Zeit nicht das Ziel - im Gegenteil !
Dieses Tagebuch gibt die wirkliche Stimmung aus der Sicht des Soldaten wieder, nicht durch die Geschichtsschreibung einer bestimmten sozialen Schicht dargestellt. Es werden Namen, Orte und Ereignisse erwähnt, Details, die wahrscheinlich für immer vergessen wären. Namen von Gefallenen, Namen von Menschen, die vielleicht bis jetzt im Dunkel der Geschichte verloren sind und von denen die Nachfahren nicht wissen, was geschehen ist. Es ist eine Momentaufnahme der Geschichte, mit schlimmen, schönen aber auch durch Propaganda geprägten Zeilen. Eine Zeit, wie sie gewesen ist -
Eine Zeit, die so hoffentlich nie wiederkommt.
* Es gibt zwei weitere Tagebücher, die das Leben und auch Sterben des 223 Pi Btl. in Russland bis zur Auflösung Ende 1943 beschreiben. Zufälligerweise sind diese Dokumente aus der gleichen Zeit und Einheit, die auch Gert Ledigs "Stalinorgel" beschreibt. Neben Tagesereignissen enthalten die Tagebücher detaillierte Verwundetenlisten, Sterbelisten, handgezeichnete Stellungskarten, Fotos, Karten, Codewörter, Tagesbefehle, Decknamen, Flugblätter, Zeitungen, Propaganda und und und. Jedes dieser zwei weiteren Dokumente ist mehr als 500 Seiten stark und zu rund 50 % in Süterlin Handschrift verfasst. Es sind interessante Listen und Informationen, allerdings wird die Veröffentlichung schwierig und langwierig. Diese Tagebbücher werden nicht mehr durchgehend als durchsuchbare Dateien erstellt, sondern größtenteils entweder als .jpg oder .pdf daten veröffentlicht. Ich werde versuchen die Marschbefehle etc, die in gedruckten Blättern vorliegen über ein Texterkennungsprogramm zu scannen, was dann vermutlich zu einer hohen Schreibfehlerquote führt. Ich werde viel Hilfe und Berichtigungen von kompetenten Lesern brauchen, um diese Daten in richtiger Form darstellen zu können.
Tagebuch Russland 1 vom 24.11.1941 bis
Tagebuch Seite 1
Mit der 1. /Pi. 223
Durch Belgien und Frankreich
Bearbeitet von
Hptm. Arnold
Gefr. Dittberner, Gefr. Happe
Und vielen Helfern aus der Kompanie
Gewidmet
Unserem verehrten Battl.-Kommandeur
Oberstleutnant Pötschke
Seite 2
Das Buch fragt :
Was soll ich ? Was kann ich ? Was will ich ?
Das Buch antwortet :
Ich soll Euch erinnern. Später, nach dem Kriege.
Wenn Ihr euerer Frau und Euren Kindern erzählen wollt.
Da soll etwas da sein, dass Ihr in die Hand nehmen
könnt und könnt darin blättern und Euch erinnern
und dann von selbst weitererzählen aus eigner Erinnerung
heraus.
Ich kann Euch helfen mit Namen und Tagen und Zah-
len. Oft bleibt ein Geschehen haften, und Ihr sinnt
und sinnt und der Name und Tag fällt euch nicht ein.
Da kann ich Euch helfen, denn ich bin während des
Krieges geschrieben, als noch nichts verwischt war
vom großen Geschehen und nichts von unseren großen
und kleinen Noeten und Freuden.
Ich will den Namen und Tagen und Zahlen Le-
ben geben. Ich will die Stimmung einhaschen, die
Farbe, das Licht; die vielen Dinge auch, die links
und rechts unserer Marschstrasse lagen. Alles was
man fühlte und nicht aussprach, was aber doch dazu-
gehoert zu unseren Kriegserinnerungen. Ich will bunt
sein, wie unsere Kriegsjahre waren. Ich will, dass Ihr
mich in einem Zuge auslest, vom Anfang bis zum Ende
und am Ende sagt :
"Ja, das war meine 1. Kompanie !"
Metras 1941 Die Bearbeiter.
Seite 3
Vom 11. März bis 10 Mai 1940 lag die Kompanie im "Heimatkriegsgebiet", im Städtchen Altena.
Das Altena-Lied
Text : gefr. Rolf Sättler u Gefreiter Dietr. Dittberner
Musik Gefr. D. Dittberner
1. Ein Lied soll erklingen von Frohsinn und Mädchen;
Es handelt sich um ein westfälisches Städchen.
Ihr kennt es noch alle, und es fällt Euch schon ein :
Das kann nur das schöne Altena sein.
Altena, dir bleiben wir immer treu,
Denn es war ja so schön vom März bis zum Mai
2. Weil der Dienst dem Soldaten am Tage oft Schmerz macht,
Braucht er was am Abend, wobei ihm das Herz lacht.
War auch das Ponton auf dem Wasserplatz schwer,
Er pflegt trotzdem die Braut; aber nicht das Gewehr !
Ob die Liebe nun ehrlich oder ob nur ein bischen -
Sie reicht immerhin doch zu einigen Küsschen,
3. Drum : Sollte man wieder mal Truppen verschieben
und dabei einen Vorschlag von unten wohl lieben,
Dann wäre des Rätsels Lösung nicht schwer.
Wir zögen recht gerne und schnell fort vom Meer
Und hätten den Vorschlag gleich bei der Hand;
Auf nach Altena ins Sauerland !
4. Und sollte man auch diesen Einfall verlachen,
Will ich einen anderen Vorschlag machen :
Tut das, was andere längst schon getan,
Und seht euch Altena im Urlaub mal an !
Die Verbindung ist einfach : In Hagen steig' um !
Und wirst Du geschnappt, dann stellst Du dich dumm !
Foto Altena Burg um 1935
Seite 4
K e h r r e i m :
Der Soldat muss vor dem Schlafengehn
Noch einmal sein kleines Mädel sehn
Und er küsst sie lang und innig vor der Tür.
Ruft dann das Signal zum Zapfenstreich
Sagt er : „Augenblick, ich komme gleich,
Aber erst krieg ich noch einen Kuss von ihr !“
Und wenn das dann geschehen ist, macht er, wie sich’s gehört,
Wenn auch mit schwerem herzen vor ihrer Türe zackig kehrt !
Der Soldat muss vor dem Schlafengehn
Noch einmal sein kleines Mädel sehn
Und er küsst sie lang und innig vor der Tür.
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Unser erster Marsch
VON AACHEN bis VAALS
von Gefr. D.
Am 11.05.1940 gegen 13:00 Uhr erreicht unser Transportzug den Bahnhof Aachen-West.
Das Entladen geht schnell. Wir beginnen unseren Marsch ins Ungewisse.
Oblt. Weber nennt uns das heutige Marschziel : Vaals, nur 5 km entfernt,
an der deutsch-holländischen-belgischen Grenze.
In Aachen stehen die Menschen an der Strasse, reichen uns Blumen und Erfrischungen
und geben uns ihre besten Wünsche mit auf den Weg.
Wir nähern uns der holländischen Grenze. Der Weg ist zwar nicht lang bis Vaals,
dahinten sehen wir schon die ersten Häuser, aber es ist sehr heiß, und wir haben
unsere Affen zu schleppen - das ist kein reines Vergnügen! Trotzdem vergißt man alles
bei dem Gedanken, jetzt dem Feinde nahezukommen. Ein Lied klingt auf :"... denn wir
marschieren in Feindesland!" Nach einer halben Stunde haben wir die Grenze überschritten,
gewahren rechts und links von der Strasse schon die holländischen Verteidigungsanlagen :
schwere Stahlblöcke, mit Stacheldraht verspannt.
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Wir stehen zwischen den ersten Häusern der kleinen Stadt und warten. Plötzlich ein Ruf :
"Fliegerdeckung!" Wir treten unter Bäume, in Haustüren, blicken neugiereig zum Himmel.
Da brummt es, kommt angesaust; ein feindlicher Flieger rast über der Grenze entlang.
Vor ihm, hinter ihm, neben ihm hängen die kleinen Flakwölkchen in der Luft, er hat
gewaltige Eile wegzukommen.
Wir marschieren weiter durch die Strassen der kleinen, holländischen Stadt. Die Menschen
zeigen eine kühle Haltung. Nicht gearde feindselig, aber auch durchaus nicht freundlich.
Das ist uns neu, wir müssen uns daran gewöhnen, nachdem wir in Altena so herzlich ver-
abschiedet wurden und auch noch in Aachen so viele Beweise der Verbundenheit zwischen
Bevölkerung und Wehrmacht erleben konnten.
Unser Quartier ist die Klosterschule von Vaals.
Wir liegen auf den blanken Dielen in den Klassenzimmern, schreiben das erste mal Grüße
aus dem Kriege nach Hause. einige erhalten erlaubnis, in der Stadt Einkäufe für die Kameraden
zu machen. Sie kommen wieder, schwerbepackt mit Zigaretten und Schokolade.
Um 17 Uhr rückt Oblt. Bothe mit zwei Minensuchtrupps ab, die Hauptmarschstrasse an der
belgischen Grenze von Minen zu säubern. Nach Beseiti-
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gung einer feindlichen Minensperre kann die Strasse für den Truppentransport
freigegeben werden.
Am Abend gehen wir im Garten der Klosterschule ein wenig spazieren, liegen im
letzten Sonnenscheine auf den Wiesen und sprechen miteinander. Von was ?
Natürlich vom Krieg.
Dann kommt die Nacht herauf, einer nach dem anderen geht zur Ruhe. Was
werden wir morgen erleben ?
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Mit Flosssäcken über die Maas
vom 12.05. bis 14.05.1940
von Hptm. A.
Vaals ist ein sauberes Städtchen, unser erstes Quartier über der Grenze. Die Holländer
staunen, was da alles angerollt kommt, Die Mädchen haben mehr Blick und Ohr für
die singend einziehenden Soldaten.
Jetzt sitzen die Pioniere auf den schmalen Kinderbänken der Klosterschule. Am Wasser-
hahnim Hofe haben sie sich vom Staub des ersten Marschtages gewaschen. Auch eine
Postkarte an die Frau daheim ist schon geschrieben. Warme Abendluft flutet durch
schmale Fenster in den Raum. Zum Schlafen lockt noch nichts. Der Fußboden ist hart,
die Wolldecke dünn. Stroh gibt es nicht. In die Stille des Klosterhofesdringt nur
noch leise das Rauschen der Schritte draußen auf der Strasse. Einer spielt
Mundharmonika, und alle sinnen den Eindrücken dieses Tages nach.
20:30 Uhr kommt Feldwebel Paproth ins Zimmer. Man drängt sich heran.
"Was wird morgen ?" - "Unteroffizier Claus mit zwei Gruppen sofort Floßsäcke
fertig machen! Es geht bei Lüttich über die
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Maas!" Schnell sind die Männer bestimmt. Das Gerät wird im Hofe bereitgelegt.
"Geht's gleich los ?" - "Nein, morgen früh." Es dunkelt schon, und nun freut sich
doch jeder auf ein paar Stunden Schlaf.
Am 12.05. früh 5 Uhr rückt Lt. Findeisen mit 3 Unteroffizieren und 50 Mann
aus allen drei Kompanien auf drei LKW's ab. Zwanzig kleine und drei große
Floßsäcke werden mitgeführt. Es ist ein kühler klarer Morgen. Auf den Wagen
geht's enge zu. Aber die Nähe wärmt. Englische Flieger sind schon da. Viele weiße
Flakwölkchen tanzen ringsum. Auch Artillerie schießt irgendwo. Man siegt das
Mündungsfeuer und hört die geschosse rauschen. Wohin wohl ? Es geht
über schmale Feldwege und Waldschneisen. Auf den Hauptstrassen marschiert
Infanterie. Wo mag heute die Front liegen ?
Gegen 11 Uhr ein Dorf. Barnai steht auf dem Ortsschilde. Längst Belgisch natürlich.
Es wird abgeladen, die LKW's fahren zurück- Lt. Findeisen sucht überall den
Divisionskommandeur. Im Ort ist niemand mehr zu Hause, nur die Hühner sind
noch da. Im leeren Pfarrhause wird wird ein Mittagessen organisiert. Die
Sonne scheint, im Garten stehen die Obstbäume in Blüte, und durch die
Dorfstrasse zieht Kompanie auf Kompanie.
gegen 14 Uhr kommen zehn vollgeladene Laster angebraust. Die Floßsäcke
müssen obendrauf.
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Und da ist auch -verstaubt und verschwitzt – Lt. Findeisen auf seinem Krad.
Die Pioniere hängen sich aussen auf den Trittbrettern der Führerhäuschen an,
einige liegen auch lang obenauf, und los geht’s!
Holla, sind das Sprengtrichter! Mitten auf der Strasse ! Haustief ! Quer durch
Feld und Hecken, links vorbei ! Ein paar Männer fallen ab. Schimpfen, Fluchen.
Jetzt zischen auch noch Granaten drüber weg. Macht nichts, endlich ist Krieg!
15:30 in Vise an der Maas. Die Strassen sind mit Glassplittern übersät. Hier
gab’s Zunder. Es riecht nach Brand und süßlichem Pulverrauch. Kein Mensch ist
zu sehen. Die Brücken sind gesprengt. „Abladen, aufpumpen!“ Die Hauswand
neben den Brückentrümmern bietet Schutz. Und dann tauchen die Paddel ein.
„Paul, merkst du, Maaswasser, hurra !“
300 Meter breit ist der Fluss.
Die ersten Stosstrupps der Infanterie werden übergesetzt. Das Ufer drüben ist
verdrahtet. Überall stehen Maschinengewehre und Revolverkanonen herum, Nanu,
ist denn hier alles getürmt ? Aber da gibt es schon Infanteriefeuer. Zu sehen ist
nichts. Es blitzt nur mal hier, mal dort. Gegen 17:00 Uhr setzt Maschinengewehrfeuer
ein. Neue Stosstrupps mit Handgranaten werden übergesetzt, um die Häuser am
anderen Ufer zu säubern. Die Lage scheint ganz ungeklärt. Es schießt von hüben
und drüben, aber wer ?
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Und doch ist heute ein wundervoller Maientag mit blühenden Hecken
und blauem Himmel. Das Wasser ist warm wie zum Baden.
Während die Kameraden übersetzen, wird in einer Gaststätte in der
Nähe Quartier gemacht. Matratzen und Decken sind rasch zusammengeholt.
Es ist ja niemand da. Und dann gibt’s Kuchen, - ganz frisch noch –
Keks und Schokolade und Sekt, natürlich !
Gegen Abend, 18 Uhr, schießt Artillerie aus den Lütticher Forts. Sie
werden munter ! Aber es geht ja alles drüber weg. Man gewöhnt sich
auch schnell daran.
Um 00:30 Uhr wird übergesetzt. Die Nacht ist lau. Infanteriefeuer überall.
Dazwischen knattern die Motoren der Meldefahrer; Kommandos, Rufe
und knirschende Schritte durch die Glassplitter der Strassen. Durch die
zerbrochenen Fenster flackert ein Licht ins Dunkel der Gaststube.
Irgendwo brennt hier ein Haus oder zwei.
Am 13.5 werden Teile des I.R. 473 und eine Pionierkompanie bei Argenteau,
2 km oberstrom von Vise, mit sechs kleinen Floßsäcken übergesetzt.
Der Strom hat gerade die ersten Morgenlichter aufgesetzt. Kaum sind
die Floßsäcke aus dem Dunkel der deckenden Uferhecken ins Helle
vorgestoßen, gibt’s schon Artilleriefeuer. Rechts und links spritzt das
Wasser hoch, verdammt! Direkt einzusehen ! Ein Floßsack wird beschädigt,
ein Paddel zer-
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schossen, aber das Ufer ist erreicht. Nun dasselbe nochmal und nochmal
und nochmal. Dann geht’s mit Floßsäcken auf den Schultern über Land,
durch den verlassenen Villenort Hermalle, 3 km bis zum Kanal, der parallel
zur Maas verläuft. Die Eisenbetonbrücken sind gesprengt, „zünftig“,
wird festgestellt.
Am hohen Kanaldamm liegt die Infanterie in Deckung und wartet schon.
Über die Dammkronen zischt aus kürzester Entfernung Maschinengewehrfeuer.
Auf den Trümmern der gesprengten Kanalbrücke liegt Granatbeschuß.
Hinüber müssen wir ! Die Floßsäcke werden den 8 m hohen steilen
Erddamm hinaufgeschleppt. „Achtung! Sprungauf, marsch, marsch!“ Hinüber
und hinunter. Unten Stacheldraht. „Drahtscheren raus!“ Gottlob, der
Wasserspiegel liegt im toten Winkel. Stoßtrupps werden übergesetzt. Dann
zwei Pakgeschütze auf je zwei kleinen, verbundenen Floßsäcken. Es ist
noch nie geübt, aber es geht. Drüben gehen die Geschütze dicht am Damm
in Stellung und eröffnen sofort das Feuer. Verwundete Kameraden springen
zurück und werden übergesetzt.
15:30 Uhr sind die letzten Teile der Infanterie drüben. Seit dem frühen Morgen
haben die Pioniere keinen Bissen im Leibe, aber nun ist’s geschafft.
Zurück nach Vise! Es gibt noch eine Granatabreibung aus dem Fort in der
linken Flanke. Eine Baukompanie, die sich um die Brücke weiter oberstrom
bemüht, wird zersprengt. Nein, Brückenbau ist noch verfrüht.
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Zur gleichen Zeit setzt weiter unterstrom Uffz. Claus mit 6 Mann
die ersten Stoßtrupps in einem großen Floßsack über den Kanal.
Mit Bindeleinen wird der Floßsack herüber und hinüber gezogen.
Rasch geht das. Aber auch hier gibt’s Granatfeuer. Eine Granate
platzt mitten im Kanal neben dem Floßsack. Viele Verwundete
kommen zurück.
Gegen 18:00 Uhr ist alles wieder in Vise an der alten Übersetzstelle.
Diesmal gibt es keine Nachtruhe. Bis 5:30 Uhr am Morgen des
14.05 1940 werden zwei Inf.-Regimenter ohne Fahrzeuge übergesetzt.
Immer wieder setzt Schützenfeuer ein. Von beiden Ufern wird
geschossen, auch mit Maschinengewehren. Es geht wild her in dieser
Nacht. Niemand weiß recht, wo ist Feind, wo Freund? Die Pioniere
müssen zeitweise das Übersetzten einstellen. Sie liegen platt in den
Floßsäcken und treiben stromab, während die MG-Garben darüber
hinwegzischen. Wie durch Wunder wird niemand verletzt.
Am Morgen werden 24 Heckenschützen herübergebracht, die mit
der Waffe in der Hand angetroffen wurden. Viele gefangene belgische
Soldaten und geflüchtete Zivilisten werden gesammelt.
Der Widerstand scheint gebrochen zu sein. Am Abend kann das
Übersetzten eingestellt werden.
Aber nun die Stiefel herunter und geschlafen ! Ganz ungewiegt.
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DER MARSCH BIS VISE
Vom 12.05. bis 14.05 1940
Von Gefr. D
Während Leutnant Findeisen und seine Pioniere mit LKW’s vorausgefahren
sind und die ersten Stosstrups bei Vise über die Maas setzten, marschierte
das Gros des Bataillons von Vaals über Hombourg weiter zwischen den
Forts von Lüttich hindurch.
12.05.1940 Dicke Wolken gelbgrauen Staubes hängen über der Strasse.
Dazwischen Motorengeknatter, das knirschen von Rädern, Flüche; da und
dort ein raues Lachen, das dünne Klingen einer Mundharmonika …Wir
kommen aus Vaals, der holländische-belgischen Grenzstadt. Alle paar
Minuten Aufenthalte. Die Strassen sind verstopft oder die Pferde schaffen
einen Berg nicht. Wenn es da für uns nicht gerade zugreifen heisst, sitzen
wir am Strassenrand im Grase. Es ist Grau überpudert, bei jeder Bewegung
steigt Staub daraus empor. Auch unsere Uniformen und Gesichter sind mit
Staub bedeckt.
Unser Marschziel heute ist HOMBOURG in Belgien. An der Grenze sehen
wir die Minensperre, die gestern Abend von unserer Kompanie beseitigt
wurde. Endlich haben wir eine ordentliche Asphaltstrasse unter uns.
Wir kommen durch belgische Dörfer. Die Einwohner sind geflüchtet. Auf
den Weiden brüllen prächtiges Vieh. Seit Tagen nicht gemolken, können die
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Tiere kaum noch die Schmerzen ertragen. Der Anblick ist traurig
und schneidet ins Herz. Wir haben keine Zeit, müssen weiter.
Es ist ein Unheimliches um diese Verlassenen Dörfer. Und sie werden
nur noch unheimlicher durch manches blasse, starre Gesicht, das mit
scheuem, feindseligen Blick hinter einer vorsichtig gelüfteten Gardine
erscheint, um sofort wieder zu verschwinden. Draußen ist außer
einem altem Mann kein Mensch zu sehen. Er steht in einem Tor, rührt
sich nicht, steht bewegungslos, wie festgefroren. Doch in seinen Augen,
die uns folgen, ist Leben.
Noch ist kaum etwas vom Lärm des Krieges zu vernehmen, nur von
ganz fern rollt manchmal ein dumpfer Donner zu uns herüber. Wir
marschieren immer weiter, bergauf, bergab, an niedrigen Hecken entlang.
Schließlich sind wir in Hombourg. Wir müssen ein Weilchen warten, bis
wir unser Quartier haben: ein abseits stehendes Gehöft. Über schmale
Leitern bringen wir unsere Sachen auf den Heuboden. Alle sind wir von
einem Wunsche besessen: Waschen ! Die heißen, verstaubten Füße
waschen, das Gesicht, den Körper.
Wir besorgen uns „Zusatzkost“ und halten am Wegrande vor dem Gehöft
unser Mahl. Brot, Wurst, Butter, eingelegte Kirschen, Senfgurken und
rohe Milch….
Aber es schmeckt.
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Plötzlich zucken wir unwillkürlich zusammen. Ein wüster Knall, gar nicht
weit von uns, danach ein eigenartiges hohles Rauschen über unseren Köpfen
und schließlich eine dumpfe Detonation in der Ferne. Witze werden gemacht,
doch man merkt ihnen an, dass sie nicht alle ehrlich gemeint sind. Komischer
Gedanke, dass da über uns ein Zentner Tod und Verderben durch die Luft
saust! Wir interessieren uns plötzlich sehr für die Weltkriegsteilnehmer unter
den Kameraden. Die kennen das alles ja schon.
Immer wieder in regelmäßigen Abständen das Röhren in der Luft. Die Granaten
rauschen hinüber und herüber. Bald haben wir uns daran gewöhnt. Nach einer
halben Stunde achtet kaum noch einer darauf. Wir schauen uns die nähere
Umgebung unseres Quartiers an, einige erleichtern die prallgefüllten Euter der
brüllenden Kühe.
Später, in der Stunde zwischen Dämmerung und Nacht, gehen wir zur Ruhe.
Ein Tag voller Eindrücke und Neugeschautem ist zu Ende. Unser Schlaf wird
anfangs noch durch das Schiessen gestört, doch endlich siegt die Müdigkeit über
die Geräusche des Krieges. Wir schlafen, aber es ist kein erquickender Schlaf.
Die Morgenkühle kriecht durch die Kleider und macht die Glieder steif. Die
letzten Stunden sind immer nur noch ein halbes Dämmern, da man den heftigen
Wunsch nach einer Decke verspürt.
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13.5.1940
Das Wecken ist eine Erlösung von der morgendlichen Kälte. Nach
flüchtigem Frühstück stehen wir abmarschbereit und hören, dass
wir II/385 zugeteilt sind.
1 km südlich Hombourg ist die Marschstrasse gesprengt. Wir müssen
die Stelle auf einem miserablen Wege umgehen, über eine Notbrücke,
die keinesfalls den Anforderungen genügt. Wir bauen an ihr, schließlich
rollt Wagen auf Wagen hinüber.
Die Sonne wird langsam lästig. Der Staub umhüllt uns mit dichter Wolke
Oblt. Weber ist voraus nach HERVE, die Kompanie wird von Oblt.
Bothe geführt. Wir marschieren bis Heinrichskapelle [Henri-Chapelle],
wo wir zunächst kurze Rast machen. Die Strasse von hier nach Florence
liegt unter Beschuss. Die Gruppen haben 100 Meter Abstand voneinander
und bewegen sich im Strassengraben vor. Die Detonationen der feindlichen
Geschosse kommen immer näher, deutlich vernimmt man das Pfeifen, bevor
sie krepieren.
Im Sprung geht’s über die Strasse, einen Feldweg hinab, quer über Wiesen,
durch Hecken. Der Stahlhelm wird ins Genick geschoben, der heißen Stirn
ein bisschen Kühlung zu verschaffen. Es ist eine verdammte Hitze, dazu
bewegen wir uns oft im Laufschritt.
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Auf einer Wiese findet sich die Kompanie wieder zusammen und macht Rast.
Fahrräder werden geflickt , die Gruppenführer zählen ihre Leute. Dann geht
es weiter auf staubigem Wege. Vom Feind ist nichts mehr zu hören.
Rechts und links gelegentlich ein totes Pferd, das schon Verwesungsgeruch
ausströmt. Auf der Strasse selbst hin und wieder Sprengtrichter, die umgangen
werden müssen.
So kommen wir nach FRÖTER [Froidthier]. Das ist ein kleines Dorf, und aus
dem Strassengraben können wir wenig sehen. In einem Garten nahe der Kirche
haben wir Aufenthalt. Gruppe liegt hinter Gruppe, jeder Mann hat fünf Schritte
Abstand vom Vordermanne. Einige schlafen, den Kopf im Stahlhelm, das
Gewehr neben sich.
Plötzlich ein Pfeifen, ein Knall… Ich werde munter, blicke auf, sehe Dreck
und Holz in der Luft. Dann kurze Pause, Totenstille. Jetzt von vorn ein dünner
Ruf :“Sanitäter! – Sanitäter!“. Und dann kommt auf einmal Schuß auf Schuß,
sitzt genau im Garten. Auf der Strasse rasen die Gespanne durcheinander,
ein toller Lärm ist dort! Pferde gehen durch, jagen zurück, jagen seitwärts,
vorwärts. Alles saust aus dem Garten, doch die Gruppenführer halten ihre
Gruppen beisammen.
Bei einem Hause sammeln wir uns, bleiben zunächst ein paar Minuten dort.
Die ersten Verwun-
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deten kommen zurück. Ein Feldwebel wird von zwei Sanitätern geführt.
Das Blut zieht rote Spuren durch sein blasses Gesicht, läuft ihm aus Nase
und Mundwinkeln. Auf einer Zeltbahn wird ein Kamerad vorbeigetragen.
Er liegt auf dem Bauch, und auf seinem Rücken ist ein häsliches, versengtes
Dreieck im Rock. Er stöhnt. Doch das Erschütternste ist ein Pferd. Es kommt
langsam im Geschirr einer Feldküche vorüber, bleibt gerade vor mir stehen.
Aus seiner leeren Augenhöhle läuft ein Rinnsal dampfenden roten Blutes,
fließt ohne Aufhören und sammelt sich zu einer Pfütze auf der Strasse. Die
Pfütze wird größer und größer. Das Tier leidet schwer, es taumelt fast,
als es weitergehen muss. Doch es gibt keine Klage von sich, stumm und
ergeben tut es seine Pflicht. Der Mann weiß, warum und wofür er verwundet
wird, leidet und stirbt. Die Kreatur weiß es nicht, sie hat nicht einmal ein
Ahnen um den Sinn des Krieges.
Später sammeln sich die Züge. Unser Kamerad Hans Zschauer ist gefallen.
Müller und Matthes sind verwundet und schon auf dem Transport nach
Aachen ins Lazarett.
Gelegentlich setzt der Feind noch eine Granate in unserer Gegend ab, aber
es geschieht nur noch selten. Feldwebel Paproth führt uns zum Nordausgang
des Dorfes, wo der andere Teil der Kompanie unter Oblt. Bothe auf uns wartet.
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Wir liegen hinter einem Bahndamm. Im Sprung geht es jetzt über die
Strassenkreuzung, danach können wir ohne Aufenthalt marschieren.
Im späten Nachmittag erreichen wir Charneux, gegen Abend unser
Marschziel Herve.
Wir waren heute ohne Mittagessen, der Hunger macht sich empfindlich
bemerkbar, dann kommt ein peinigender Durst. Endlich ist zwar das
Marschziel erreicht, doch der Troß blieb zurück, dabei die Feldküche.
Wir sind darauf angewiesen, uns Lebensmittel zu besorgen. Am Abend
beziehen wir Quartiere, leerstehende Häuser, daraus die Bewohner
geflüchtet sind. Wir schlemmen in raren Genüssen : Kaffee , Schokolade,
englische Zigaretten, erstklassiger Kognak. Es ist eine eigenartige
Stimmung in dieser leeren Stadt, da wir die einzigen Lebewesen zu sein
scheinen.
Morgen soll es gegen Fort Battice gehen.
14.5.1940
Aus unserem Sturm auf das Fort Battice wird nichts. Schade, wir hatten
uns innerlich schon ganz darauf eingestellt. Oblt. Weber erzählt uns am
Morgen von einer nächtlichen Erkundung gegen das Fort. Jetzt würden
die Pioniere dringender an der Maas gebraucht. Battice kann warten. Es
ist doch komisch, dass eine ganze Division so zwischen den modernsten
belgischen Forts herummarschieren kann! Bei Tage freilich sind die
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Strassen einzusehen. So bleiben wir den ganzen Tag in Herve und ab Mittag
in einem verlassenen Hause am Nordrand.
Am Abend geht's gruppenweise ab. Es ist sehr schwül, wir schwitzen von oben
bis unten. Charneux, durch das wir gestern marschierten, ist schwer zerschossen.
Wir müssen über eine Notbrücke. Ein LKW ist ins Wasser gerutscht. eine Stunde
bauen wir, bessern die Brücke aus, wuchten LKW hoch und schieben dann noch
unsere Wagen über den zerfahrenen Acker.
Endlich wieder glatte Strasse! es geht bergan. Finster ist es und heiß. Rechts und
links tauchen im Starssengraben grosse dunkle Flecken auf. Gefallene Pferde, die ihre
Beine gespenstisch in die Luft strecken, wie Pfähle.
Gespräche verstummen, nur hier und da springt ein Wort auf, bleibt unbeantwortet.
Hinter uns knarren die Räder der Troßfahrzeuge. Ein Fluch, ein leises Wiehern...
Wir kommen dicht am Fort Neufchateau vorbei. Plötzlich Brummen. Flieger ? Ein
Scheinwerfer des Forts reißt einen grellen Tunnel aus der Nacht. Sie ist doch etwas
unheimlich, diese lautlose Nähe des Feindes.
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Es geht auf schlechten Wegen durch Talsenken, dann wieder über Asphaltstrassen.
Mit violettem Schimmer kommt die Morgendämmerung auf. Wieder eine gesprengte
Brücke, ein Abhang, ein schmales Gewässer, tiefe Radspuren durch sumpfige Wiese.
Hier kommt unser Troß ja nie durch !
"Noch fünf Kilometer, " sagt einer. Die Füße brennen, wir sind müde. Und im Morgen
frieren wir in unseren durchschwitzten Sachen. endlich ein paar Häuser. In einem
Garten müssen wir eine Viertelstunde warten, dann heißt es "Wegtreten!".
Wir kriechen in eine Heuluke, aber es ist kein Heu mehr da. Der Steinboden ist kalt;
keine Decke nur Zeltbahn. Wir frieren, aber wir schlafen doch noch zwei Stunden. Dann
geht es weiter, nach Visé hinein. Ganz hell ist es geworden. wir dürfen unsere Quartiere
sehen: eine Gaststätte mit Matratzen und Federbetten. Wie von allein fallen bei diesem
Anblick die Augen zu, aber noch sind wir nicht so weit. Zwei Kilometer müssen wir noch
marschieren, denn oberstrom von Visé, beim Bahnhof Argentau, ist eine Landebrücke
zu bauen.
Also kommt, ihr lahmen Knochen! Keine Müdigkeit vorschützen!
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In dem Städtchen Visé lag die Kompanie vom
15.05. bis 22.05.1940
FELDPOSTBRIEF AUS VISE
Ein sonnenschwüler Tag ist gegangen,
Und alle Dinge sind vom Staube grau.
Jetzt ist es nacht, und tausend Sterne prangen -
Ich sitz beim Kerzenlicht und schreibe, liebe Frau.
Wir liegen an der Maas seit ein paar Tagen
Nach langem Marsch - ich schrieb Dir schon -
Ich denk an Dich auch wirst Du Sorge tragen -
Hier sind alle Mütter und die Kinder all' geflohn.
Die Strassen und die Häuser sind verlassen,
Und irgendwo riecht es nach Brand und Rauch;
Und Fahrkolonnen poltern durch die Gassen.
Vor meinem Fenster blüht ein weißer Strauch.
Im Garten liegen noch verstreut die Betten,
Auch Stühle stehn herum vor jeder Tür.
Wenn wir jetzt hier nur Deine Hände hätten !
Du räumtest au ! Und wüschest Socken mir .
Zum andern Ufer brachten wir hinüber
Viel Regimenter schon bei Tag und Nacht;
Und viel gefangene holten wir herüber.
Ich hab die Nacht am Steuer durchgewacht.
Geht unser Liesel in die Schule gern ?
Und folgt der wilde Hans auch ohne mich ?
Du liebe Frau ! Ich denke stets an Dich !
Und über uns stehn auch dieselben Sterne.
Jetzt ruhen schwer und müde meine Hände,
Viel Bilder kommen noch und gehn.
Um mich ist nur das Dunkel dieser Wände,
Und kann doch hin bis in Dein Herze sehn.
Von Hauptm. A.
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Mit Flammenwerfern am 18.05.1940 gegen FORT Barchon
von Hauptmann A.
Belgien ist für uns Soldaten das Land der Hecken, der sanften Wiesenhügel
und der pappelumsäumten Kanäle. In dieser weichen, von Maiensonne durch-
flossenen Landschaft fällt Fort Barchon gar nicht auf. Es ist ein Hügel wie viele,
mit friedlich weidenden Kühen, Wiesen und blühenden Weißdornbüschen.
Nur das Luftbild verrät eine starke Kampfanlage von fünfeckiger Form mit
acht versenkbaren Panzerkuppeln, betonnierten MG-Ständen, 8 m tiefen Festungs-
gräben und einem 50 m breiten Hindernisgürtel.
Am 18.05.1940 liegt das Fort unter schwerem Artilleriefeuer. Ein Kranz
tiefschwarzer Rauchwolken tanzt in stetem Auf und Ab um den Hügel und wälzt
sich unheildrohend nach Osten über das Land. Stukas greifen in ununterbrochener
Folge die Anlage mit Bomben an. das war gegen Mittag. Seidem schießt die Flak
in direktem Schuß aus 1000 m entfernung auf Türme und hindert sie am Ausfahren.
Wie feurige Kugeln spritzen die Geschosse an dem 40 cm starken Panzern ab.
In einer flachen Erdwelle, an der Südecke des Forts, nur 200 m vom Hauptwerk
entfernt, liegen seit 15 Uhr die Stoasstrupps : 51. Pioniere, die solche Dinge
nicht zum ersten Mal machen, und die Flammenwerfertrupps des Pi.-Batl. 223
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Es herrscht die eigentümlich aufreizende Spannung, die jedem Angriff vorausgeht.
Süßlicher Pulvergeruch, Stacheldrahtschlingen, harte Grasbüschel, der Ruch aufge-
rissener Erde und leises Klappern von Waffen und Gerät.
Punkt 16:00 gehen die ersten Pionierstosstrupps vor. Sie sind mit gestreckten
Ladungen gegen die Stacheldrahthindernisse angesetzt. Kaum senken sich die
schneeweißen Sprengwolken in weichen Wellen über das Vorfeld, da stürzen die
Stosstrupps und Flammenwerfertrupps durch die ins Hindernis gerissenen Sturm-
gassen und erreichen im ersten Sprung die tiefen Granattrichter am Rande des
Festungsgrabens. Die Flakgeschütze müssen jetzt schweigen. ein paar Augenblicke
ist alles unheimlich still. Aber schon bellen die feindlichen MGs in den Grabenstreichen.
Sie sitzten in starken Betonbunkern an den Fortecken und flankieren den tiefen Graben.
Die Sturmleitern sind eingehängt. Da hinunter? Unmöglich ! Lautlos, wie von
Geisterhänden geschoben, fährt jetzt ein Turm aus. Schwarz steht er gegen den leuchtenden
Himmel, feuert und sinkt wieder lautlos zurück in den Boden, während der zweite
emporsteigt. Dort der dritte, der vierte, der fünfte! Ganz knapp über den Boden hinweg
fegen die Geschosse der Schnellfeuergeschütze und mähen lange Bahnen ins dürre Gras.
Ein paar zusammengebundene Handgranaten gegen die Betonbunker! Ach, das hilft ja
nichts! Dagegen gelingt es einem vorgezogenen Pakgeschütz schon mit
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dem zweiten Schuss, das feuernde MG des gegenüberliegenden Eckbunkers zu erledigen.
Jetzt kann der Flammenwerfer der 1./Pi. 223 (Gefr. Schierz, Pionier Tukai) vom Grabenrand
schräg nach unten aus 8 m Entfernung gegen die vier Schießscharten der Graben-
streiche angesetzt werden. In puffenden Stößen zuckt der rote Flammenstrahl, und
dicker, schwarzer Teerqualm steigt Haushoch auf. Aber das MG feuert weiter. Der
Einspritzwinkel von oben ist zu steil. Lt. Bassitta sitzt direkt über dem Bunker. Er nimmt
mit der Leine Maß bis zur Bunkerscharte und läßt mit Uffz. Buschmann eine geballte
Sprengladung hinab. Einen Augenblick schaukelt sie vor der Schießscharte, dann reißt
sie mit scharfem Krach auseinander. Der Graben ist erfüllt von weißem Dampf der
Nebelkerzen. Die MG's schweigen.
In dieser Feuerpause gelingt es dem Stoßtruppführer der 51. Pioniere, mit vier Mann
über eine Sturmleiter in den Graben zu springen und die jenseitige Böschung zum
Hauptfort hinaufzukletttern. Sie schleppen an Bindeleinen schwere Hohlladungen
hinter sich her. Lt. Bassitta, Uffz. Buschmann und einzelne Pioniere folgen bald darauf.
Alle müssen über eine einzige Sturmleiter, die schon zusammengeflickt ist und 2 m
über der Grabensohle endet. Es gelingt, den Panzer des Eckturmes zu sprengen.
Gleichzeitig explodiert ein zweiter Panzerturm, dessen Kuppel mit lautem Krachen
nach oben aufklappt.
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Aber jetzt schießen die MG's der Grabenstreiche wieder. Sie haben sich von der Sprengung
erholt. Uffz. Büschel von der 3. Kompanie springt in der Graben und bleibt liegen. Nebel-
kerzen hinunter! In ihrem Schutzschleier wird der kleine Flammenwerfer an Leinen über
die Leitern in den Graben hinuntergelassen. Aus nur 20 m Entfernung stößt nun der feuer-
strahl direkt in die Scharten hinein und brennt sie restlos aus. Der Weg ist frei!
Der mittlere Flammenwerfer de 1. Kompanie ( Pionier Jähne, Meilik und Bienert) wird
ebenfalls an Seilen in den Graben hinabgelassen und die steile Böschung zum Hauptwerk
hinaufgeschleppt. Rasch folgen Stoßtrupp auf Stoßtrupp, Flammenwerfer auf Flammenwerfer.
Wie emsige Ameisen ergießt es sich über den Hügel.
In kürzester Zeit sind sämtliche Panzerkuppeln gesprengt, Scharten und Schlitze ausgebrannt.
Der kleine Flammenwerfer der 1. Kompanie war dabei gegen die Kuppeln des Hauptwerkes,
der mittlere gegen die Grabenstreiche des Nordgrabens eingesetzt.
18:45 wird in Gegenwart von general Körner und des Regimentskommandeurs von IR 344
auf dem Hauptwerk die kakenkreuzflagge gehißt.
Der Feind hat 30 Tote. 270 Mann ziehen in Gefangenschaft ab.
Ein weicher Maiabend senkt sich nieder. fort Barchon ist gefallen. Sechs Jahre wurde daran
gebaut, in drei Stunden wurde es zerstört.
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MIT FLAMMENWERFER-STOSSTRUPPS
GEGEN FORT NEUFCHATEAU
am 20./21.05.1940
von Hauptmann A.
Am 21.05.1940 meldete der Heeresbericht die Einnahme einer der modernsten
Kampfanlagen der Festung Lüttich, des Forts Neufchateau. Die Besatzung verlor
100 Mann an Toten und Verwundeten. 370 Mann wurden gefangen genommen.
Von Pi.-Batl. 223 waren sämtliche drei Kompanien mit Stosstrupps am Angriffe
beteiligt. Unteroffizier Buschmann und Pionier Tukai sollen uns über ihre Ein-
drücke selbst Berichten :
B. : "Ich war bei STOSSGRUPPE SÜD mit einem mittleren Flammenwerfer einge-
setzt. In einem Obstgarten des Dorfes Neufchateau..."
T. : "...bei STOSSGRUPPE NORD, im Jagdschlosse Weers unter alten Buchen...."
B. : "...ganz hoch zogen die Stukas..."
T. :"...ein Fieseler Storch leitete das Artilleriefeuer..."
B. : "und die Flak schoß mit Leuchtspur auf die Panzertürme, dass es nur so spritzte..."
T. :"Wir arbeiteten uns an einer Hecke entlang näher. Lt. Bassitta immer voran..."
B. : "...bis an einen kleinen Hang, 30m vor dem Außenbunker, zusammen mit einem
Stosstrupp der 42. Pioniere..."
T. :"Direkt vor uns schoss ein schweres MG aus einem Aussenbunker, aber ein paar
Schuss aus einem
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Pak brachte es schnell zum Schweigen..."
B. : "Fort Battice gab Sperrfeuer, immer Granataufschlagzünder, dazwischen weiße
Schrapnellwölkchen..."
T. :"... deckungsloses Vorfeld. Aus dem Fort Flatterminen, die Propeller der Minen
surrten so komisch beim Krepieren, das Gras verbrannte."
B. : "...aus 20 m Entfernung zwei Flammenstösse in die Schießscharten. An den
Stahlblöcken des Hindernisses spritzte der Flammenstrahl breit..."
T. :"... links wurde von 51, Pionieren eine Gasse ins Hindernis gesprengt. Lt. Bassitta
und ich durch! Gefr. Schierz verband einen Verwundeten. In den Granattrichtern
MG-Schützen, auch ein Pak war schon ganz vorn. Verwundete schrien..."
B. : "Ich warf mit einem Unteroffizier der 42er Handgranaten in die Schießscharten."
T. :"... unheimlich, als lautlos die Panzertürme ausfuhren...Wie Schlangen zischten
die Geschosse durchs dürre Gras..."
B. : "Plötzlich gingen zwei Minen hoch, ganz dicht bei uns. Pionier Jähne bekam einen
Minensplitter in den Oberschenkel, Meilik brachte ihn zurück..."
T. :" Wir kauerten am Rande des 8 m tiefen Festungsgrabens, direkt über dem Eckbunker
...Lt. Bassitta warf Handgranaten auf das Stahldach der Schießscharte..., Volltreffer im
Flammenwerfer der 51er..."
B. : "Pionier Bienert einen Splitter über dem Oberarmgelenk..."
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T. :"Ich spritzte mit Flammenwerfer schräg von oben in die Schießscharte...in schwarzem Qualm
fast erstickt..."
B. : "Wir müssen verbinden..."
T. :"Der Leutnant der 51er Pioniere im Gesicht verbrannt...,drei Tote, Granaten von Battice,
Flatterminen vom Fort, MG-Feuer von rechts...,es ist schrecklich..."
B. : " Ich bin nur noch allein am Flammenwerfer. Wir müssen zurück..."
T. :"Langsam wird's dunkel, 22 Uhr, und keine Aussicht, über den Graben zu kommen!"
Der Angriff wurde am 20.05. nachts abgebrochen. Mühsam müssen die Flammenwerfer,
die Pakgeschütze und das Sprenggerät im feindlichen Feuer über das Hindernis zurück-
geschleppt werden.
Auch ein zweiter Angriff am Morgen des 21.05. bleibt im Sperrfeuer von Battice liegen. Wieder
sind die Pioniere bis an den Graben heran. Zweimal ganz nahe heran und zweimal zurück!
T. :" Viel geschlafen haben wir ja nicht. wir saßen im Schlosse in Lehnstühlen vor dem Kamin, sehr
drechig, sehr müde. eingelegte Kirschen gab's. Gegen Mittag fuhren LKW's vor und brachten uns
zur Südfront. Dort sollte es einfacher sein..."
B. : " Von der Höhe hinter Dorf Neufchateau erscheint das Fort wie ein flacher Hügel mit auf-
gesetzten Höckern. Jetzt schießt schwere Artillerie die Anlagen sturmreif."
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T. :"...dunkle Granatwoken steigen auf und sinken ab..."
B. : "...und die Flakgeschosse spritzen wie Feuerwerkskörper dazwischen herum."
T. :" Um 5 Uhr greifen Stukas an! Auch Fort Battice diesmal..."
B. :" Mitten in das Heulen und Krachen kommt Befehl:'Stoßtrupps vor'!"
T. :" Erst durch blühende Obstgärten hinab ins Tal..."
B. :" Über den Bach, wo die Gefallenen lagen..."
T. :"...den Hang hinauf; Sturmleitern voraus, dann gestreckte Ladungen, hinterher die
schweren Scheiben der Hohlladungen..."
B. :" ...jetzt MG-Feuer..."
T. :"...das Hindernis fliegt in die Luft...Durch!"
B. :" Vor uns die Türme! Einer steht ganz schief."
T. :" Die Sturmleitern werden am Grabenrande eingehängt."
B. :" Schießt die Grabenstreiche? Niemand achtet darauf, nur hinunter jetzt..."
T. :" Ich rutsche mit meinem Flammenwerfer auf der Böschung eines riesigen Bombentrichters
in den Graben hinab."
B. :" Vom Fort Battice merkt man nichts. das haben die Stukas besorgt."
T. :" Rascher als gedacht, stehen wir im Hauptwerk, mitten zwischen den Panzerkuppeln..."
B. :"Donnerwetter, hier hat's aber gehagelt!"
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T. :" Haustiefe Trichter neben den Türmen..."
B. : "...die Kuppeln von den Panzergranaten zerschlagen, die Schießscharten verschmort,
die Ausfahrringe verklemmt..."
T. :"...im Minenwerferstand, in der Mitte des Forts, alles durcheinander geworfen..., so
sehen die Dinger also aus..."
B. : "Was noch ganz ist, wird in die Luft gesprengt; es kracht überall."
T. :"...wir müssen hinter einer zerplatzten Kuppel in Deckung gehen.."
B. : " Überall Pioniere mit Hohlladungen, von allen Seiten kommen sie..."
T. :"...ein einziger Turm steht noch, und aus dem flattert plötzlich eine weiße Flagge!"
B. : " Ich sehe auf die Uhr, es ist 19:30 Uhr."
T. :"...großer Jubel! Eine Hakenkreuzflagge ist auch schon da..."
B. : " Hauptmann Scholze von der dritten Kompanie wird Fortkommandant."
T. :" Den Tag merke ich mir, den 21.05.1940!"
In Tukais Stiefelschaft steckt noch eine Handgranate.
"Ja, die bleibt heute drin! Zur Erinnerung an 'Stossgruppe Süd'."
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Der Marsch von Vise über Pepinster nach Bierset
Von Gefreiter D.
22.05.1940 eine Woche haben wir nun hier in Vise Tag und Nacht übergesetzt und uns geplagt. Jetzt
sind wir beinahe an die Stadt gewöhnt. Wir haben sogar ein Cafe aufgetan, wo es Bier gibt; schlechtes
zwar, aber immerhin Bier. Da erhält die Kompanie am 22.Mai den befehl, sich marschbereit zu halten.
Mancher nimmt sein Fahrrad vor zur Reparatur. Etwa ein Drittel der Kompanie ist jetzt mit Rädern
versorgt; auch ich habe eins aufgegabelt.
Den ganzen Tag warten wir in Vise. Endlich, am Abend gegen 18 Uhr, marschieren wir ab. Das Marschziel
ist uns unbekannt, man munkelt nur von 30 km. Leider müssen wir fast alle unsere schönen Räder
in einen Hausflur stellen und hier lassen. Nur die Radbestände des Zugtrupps werden ergänzt, so kann
ich mein Rad behalten.
Wir marschieren auf Herve, wo wir ja schon einmal waren. Am Abend treffen wir dort ein. Kurze Rast.
Wir verzehren unsere letzten Schokoladenreserven. Ein Offizier erklärt uns die Lage, nachdem er den
neuesten Heeresbericht verlas.
Unser Marsch führt durch Herve hindurch. Der Schritt der vielen Stiefel auf dem Pflaster klingt wie
rauschender Regen in der nächtlichen Stadt, dazu das klappern der Hufe und das rollen der Räder.
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Fort Pepinster ist jetzt unser Marschziel. Noch wissen wir nicht, welche
Aufgabe uns dort erwartet. Bei völliger Dunkelheit kommen wir nach Soiron
und rasten hier vor dem Schlosse fast eine Stunde auf den Bordsteinen.
23.05.1940 Es soll nicht mehr weit sein, erfahren wir von einem Melder, nur
noch ein paar Kilometer. Gott sei Dank! Es wurde aber auch höchste Zeit!
Mitternacht ist längst vorüber. Wir marschieren auf einem schmalen, steilen Pfad
in ein Tal hinunter. Aber marschieren kann man das eigentlich nicht gar nicht
mehr nennen, es ist beinahe ein Klettern. Lange, breite Streifen weißen Nebels
schwimmen in dem Tal. Es sieht aus wie der Spiegel eines Meeres, und
einige glauben wirklich, am Ufer eines Sees zu sein, so überzeugend ist anfangs
die Täuschung.
Der Weg ist sehr steil. Oft gehts über Treppen abwärts. Ich habe mein Rad auf
der Schulter und schwitze.
Endlich, nach etwa einer Viertelstunde weges, sind wir unten angelangt und kommen
auf eine Strasse. Hier halten wir, und die einzelnen Züge verteilen sich auf ein
paar leerstehende Häuser, den Morgen abzuwarten. Irgendwer erzählt, dass wir
das Fort nehmen sollen. wir sind zu müde, darüber nachzudenken. Auf den blanken
Dielen liegen wir, versuchen zu schlafen, frieren. Nach zwei Stunden wird
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plötzlich geweckt, doch es geht noch nicht weiter. ich entdecke im Keller eine Topf
mit eingemachter Butter, wir schmieren sie fingerdick aufs Brot.
Kurz vor dem Antreten ein Gerücht : Aus dem Angriff wird nichts. Das BAtaillon wird
in Lüttich gebraucht.
Wir stehen auf der Strasse und warten, bis die Reihe an uns ist. Es geht denselben
Weg nach Soiron zurück, diesesmal bergauf. Gute Nacht! Wir können uns freuen.
Die Kompanie ist auf 50 Schritte Abstand von Mann zu Mann auseinandergezogen.
Plötzlich vor uns ein Krachen. Wir denken, es sei die eigene Artillerie, weil wir das
gewohnte Pfeifen in der Luft vermissen; aber es sind Granaten vom Fort Pepinster,
wo man uns am hellen Morgen genau einsehen kann.
Ich habe ein bischen Wind vor dem Berge, zumal ich ein Rad zu schleppen habe,
an dem ein MG und zwei volle Munitionsgurte hängen. Der Weg ist unglaublich steil,
oder scheint es nur so ? Vor und hinter mir sehe ich andere Kameraden, die sich
ebenfalls gewaltig anstrengen müssen. bald habe ich keinen trockenen faden mehr
am Leibe. Schuss auf Schuss kommt vom Fort herüber, sitzt mal rechts vom Weg,
mal links. Einer schlägt bei ein paar weidenden Kühen ein. Es sieht kurios aus,
wie sie nach allen Richtungen auseinanderspritzen. neben mir plötzlich eine
schwarze Rauchwolke, dazwischen Dreck. Nur weiter, keinen Aufenthalt! Der
Stahl-
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helm sitzt im Genick, der Schweiß läuft in Bächen übers Gesicht, durch das Haar.
Die Luft pfeift aus der Lunge. geht es hoch ? Es muß gehen! Mindestens noch
200 Meter! Nur einen Augenblick stehen bleiben, atmen, das rasende Herz zu
beruhigen. Noch 150, 100 Meter...
Endlich ! Hinter einem Hause sehe ich Kameraden, die erschöpft an der Mauer
lehnen. Ich nehme das Rad mit dem MG vom Ast, stelle es an die Wand, atme
tief und lang. Ich habe einen salzigen Geschmack im Munde. Stahlhelm ab,
Gesicht abtrocknen! Plötzlich fliegen Ziegel und Dachsparren auf die Strasse. Ich
ziehe den Kopf ein, wenn es in der Nähe knallt, und rase weiter. Der Fahrtwind,
der um die heiße Stirn weht, tut unendlich wohl.
Abgehetzt kommen wir in Soiron wieder an. Endlich können wir uns waschen.
Der Duft der Fliederseife ist eine Erquickung, und die Zahnpasta schmeckt fast
lecker nach dem Salz der Schweißtropfen, die in den offenen, atmenden Mund
liefen.
Die Feldküche gibt Essen aus. Danach legt sich alles im Saal einer Kneipe nieder
und versucht, den Schlaf nachzuholen. Seltsamerweise haben wir keine Verluste.
Auch zwei Kameraden, die zurückgeblieben waren, von den anderen unbemerkt,
und um deren Schicksal wir uns schon Sorgen machten, finden sich wieder ein.
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Kurz nach 15:00 Uhr marschieren wir in Richtung Lüttich weiter. Wir sind etwas
ausgeruht, es geht ganz gut vorwärts. allerdings : Wir haben eine Affenhitze, die
Luft flimmert über der Strasse.
Wir kommen durch Ortschaften. Einer fragt :"Combien de kilometres encore
jussqu'a Liege?" - "Encore once kilometres, monsieur!" - " Elf Ka Em!" -
wir übersetzten.
Oblt. Bothe läuft an den Reihen entlang. "Na, geht's noch?" - " Natürlich, Herr
Oberleutnant!"
Man hat eine verbissene, grausame Freude, dass die Füße brennen und es
trotzdem noch geht.
Gegen Abend ziehen wir in Lüttich ein. Kurze Rast auf einem großen Platz am
Ufer der Maas. Dann weiter, noch eine halbe Stunde. Jetzt sind wir wieder an
der Maas. Die 2. Kompanie setzt uns hier um Mitternacht über.
Wir liegen auf ein paar Taurollen am Ufer und löffeln Ölsardinen aus der Büchse.
ein feiner, zarter Regen kommt vom Himmel, so, als ob er sich nicht recht
hervortraute. Es ist finster geworden, nur da und dort das flüchtige Aufleuchten
einer Taschenlampe und das Aufglimmen einer Zigarette.
Nach dem kleinen Regen hängt eine erdrückende Schwüle in der Luft. Wir
marschieren durch die nachtstillen Starssen Lüttichs. Am Rande der Stadt kurze
Rast. Die Feldküche gibt Tee aus. Ah, das ist eine Wohltat. Wir haben ihn nötig,
und im Handumdrehen sind die Becher leergetrunken. Es geht weiter.
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Sind es wirklich bloß noch 10 km, wie man uns gesagt hatte? Sind es nicht vielmehr
15? Endlich, als auch die letzten Lieder und Worte verstummt sind, treffen wir im
Morgendämmern schweigend und Müde in Bierset ein.
Wir schnallen nur das Sturmgepäck ab, sinken sofort aufs Strohlager und schlafen wie
die Toten. es waren 42 km heute.
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Der Marsch von Lüttich nach Flandern
vom 24.05.1940 - 30.05.1940
von Gefr. H.
24.05.1940 Während die 2. Kompanie in Lüttich die Fähre abbaut, stehen wir
in Bierset bereit zu erneutem Marsch nach Westen, nach Flandern, wohin
sich die belgische Armee kämpfend zurückzieht. Unsere Aufgabe bei Lüttich
ist erfüllt. Jetzt beginnt der Verfolgungsmarsch! Was uns dabei bevorsteht,
wissen wir nicht. Gerüchte erhalten die Stimmung lebendig. Man will sich
noch schnell die Haare schneiden lassen : was heißt „Friseur“ auf französisch ?
Da kommt der Abmarschbefehl! Die Sonne steht hoch. Wir denken an den
kommenden Durst und beugen vor. Gleich links ist die Limonadenfabrik!
Wieviel kostet das ? Cent francs oder cinq francs ? An französischen Panzern
vorbei marschieren wir bis CIPLET. Bei Moxhe bessern wir eine Brücke aus.
Dann ist das Tagesziel erreicht. Schnell nehmen wir eine kalte Dusche, und
trotz aller Müdigkeit spazieren wir noch ein wenig in der lauen Abendluft durch
das Dörfchen. Die einen suchen frische Tomaten, die anderen frische Mädchen.
Viel ist in Ciplet nicht mehr zu haben. Kein Wunder, die Engländer waren ja
vor uns hier. Die Bevölkerung ist erstaunt, wie gesittet sich Soldaten benehmen
können. Allerdings, es müssen deutsche Soldaten sein. Man sagt uns das auch
ganz offen. Ein wenig
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Stolz sind wir auf dieses Lob. Dann sinken wir müde auf das Stroh,
während im Westen die Sonne blutrot untergeht. Ein Vorzeichen?
25.05.1940 Je schneller sich die belgische Armee zurückzieht, desto
schneller müssen wir folgen. Über Felder führt uns der Marsch 46
km von Ciplet nach BALLATRE. Mit gemischten Gefühlen schauen
wir auf das Nest dort auf der Höhe. Aber die Gewissheit, dass wir auf
dieser Höhe unser Nachtquartier finden, gibt uns Schwung für den
Endspurt. Auch hier waren englische Truppen vor uns. Den größten
Dreck haben die Quartiermacher schon aufgeräumt.
Nach der Anstrengung des Tages ist der Schlaf in der Nacht tief. Auch
feindliche Flieger Können uns nicht stören. Mitten in der Nacht fährt
unser Verpflegungswagen ab, um all das zu holen, was für den
Magen eines Gesunden Pioniers unentbehrlich ist. Wenn man
bedenkt, wie wichtig das leibliche Wohl für den Soldaten ist, wird
man verstehen, wie peinlich die Verpflegungsleute empfinden,
dass sie sich in der Nacht verirren. Oder waren andere Dinge
Schuld an der Trübung des Orientierungssinnes unserer
Verpflegungsleute ?
26.05.1940 In BANTERLEZ treffen die Quartiermeister einen Hund
im Bett an. Er wird erschossen. Wahrscheinlich wechselt deshalb
Oblt. Bothe sein blutgetränktes Bett mit dem Bett seiner Burschen.
Na, so hat eben „Tippel“ in dem Hundeblutbett geschlafen.
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27.05.1940 Gleichschritt! Wenn der Kopf auf die Brust sinkt und die
Finger sich spreizen, stößt der Kamerad den Kameraden an, reicht
ihm die Feldflasche. Nur den Mund ausspülen! Such Abwechslung in
der Umgebung! Wenige Tage vor uns ist hier noch heiß gekämpft
worden, Kirchen und Häuser sind zerschossen, Stellungen ausgehoben;
ausgebrannte PKWs liegen in den Straßengräben neben toten Pferden,
Munition, Uniformen und Ausrüstung. Als wir durch die zertrümmerte
Innenstadt von Nivelles marschieren, betrachtet der Landser mit
Hochachtung das Werk unserer Stukas. Auch hinter Nivelles sind überall
Spuren harten Kampfes. Der Senettekanal wird überschritten Mechanisch
schreiten wir aus, marschieren wir weiter. In SECREE aber haben wir
Ruhe. Ein Leuchten huscht über die verstaubten Soldatengesichter.
Wenig später sind die Gesichter wieder frisch, und an manchem kleinen
Feuerchen brötschelt der Gruppenkoch die Eier, die wir gekauft haben.
Feierabendstimmung ! Secree hat nur noch einige Einwohner. Während
die Mannschaft müde vom Marsch auf dem Stroh schläft, gibt es auch
noch Kameraden, die Selbstverständliches erfüllen. Sie schaffen den
Gefr. Schierz in das Lazarett in Ath, während die Nacht vom Vollmondschein
und von den Leuchtschirmen der englischen Flieger erhellt ist. Unheimlich
hell ist die Nacht. Und krachend funkt unsere Flak !
28.05.1940 Keine Ruhepause, immer marschieren ! Die Landschaft ist flach,
Ackerland, breite, unendlich lange, aber gute Strassen, später niedrige
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Hecken, Wiesen, rote Ziegelhäuser und in den Bauernstuben Kamine. Das ist
Flandern!
Während des Marsches eine kleine Pause. Pausen sind immer angenehm,
besonders aber, wenn die Feldpost verteilt wird oder eine Sondermeldung die
heißen Fusssohlen vergessen läßt. Was bringt uns dieses mal die Pause ?
Hurrah ! Belgische Kapitulation !
Während der Kommandeur die neue Aufgabe erklärt, schauen die Landser auf
die dem Kommandeur und damit dem Bataillon verliehene Spange zum E.K.
VILLEAUFOSSE erreichen wir mit freudiger Genugtuung und beziehen Quartier
in den einzelnen Häusern.
29.05.1940 Hinter Villeaufosse begegnen uns die endlosen Gefangenenströme.
Die Belgier kommen zurück, zu Fuß, auf Rädern, in Autobussen, auf Krädern!
Die Kompanie ist müde, erschöpft. Warum sollen die Gefangenen fahren, während
wir laufen? Wer hat noch kein Rad ? Wer erschöpft ist, hält einen belgischen
Gefangenen an, leiht sich dessen Rad und wünscht ihm gute Rückkehr. Auch die
Kräder werden requiriert. Man fährt ein Stück voraus. dann ist der Brennstoff
aus oder die Kerze verrußt. Der Landser tippelt weiter. Bei Kerkhove, das ebenfalls
zerstört ist, überschreiten wir die Schelde. Dann erreichen wir Invoyghem !
Wieder ist ein Marschtag zu Ende,
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30.05.1940 Über Harlebeke marschieren wir auf breiter, schöner Strasse
nach OYGHEM. Hier an der Lys, in der goldenen Flachsgegend, in
zerschossenen Sälen, haben wir endlich Ruhepause....zum kurzfristigen
Brückenbau !
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DER BRÜCKENBAU VON OYGHEM
Vom 31.05.1940 – 02.06.1940
Von Hauptmann A.
Am 30.05.1940 erhielt das Bataillon Befehl, drei Brücken über die
Lys und den Lyskanal zu bauen, und zwar :
1. Kompanie im Zuge der Strasse Oyghem-Desselghem,
3. Kompanie in Courtrai, und L.Pi.Kol. über den Kanal südlich Courtrai.
Die 2. Kompanie baute bereits an einer Brücke über die Schelde in Kerkhove.
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1./Pi. 223 Oyghem, am 2.06.1940
An das Bataillon.
Meldung über den Brückenbau in Oyghem.
1. Wahl der Brückenstelle.
Die 4 to-Behelfsbrücke wurde 45 m oberstrom der Gesprengten Strassenbrücke gebaut,
weil hier die Dämme niedriger waren, als an der alten Brückenstelle
2. Erkundung des Flussprofils.
Breite von Uferbalken zu Uferbalken 38m, Wassertiefe 2,60, Höhe
der Fahrbahn über dem Wasserspiegel 2,75 m. Erforderlicher
Knüppelweg 35 m.
3. Erkundung des Flussprofils.
Holzhandlung Cras-Pauwelyn in Waereghem: Sämtliches Holz,
als Streckbalken I NP 18
4. Konstruktion
2 Schwelljoche und 2 Pfahljoche zu je 6 Pfählen, 2 Strecken zu 5,5 m,
3 Strecken zu 9,00m mit je 7 Streckträgern, Belag 50mm
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5. Gang der Arbeiten.
Am 31.5. verlegen der Uferbalken, Setzten der beiden Schwelljoche,
Verlegen der landseitigen Strecken und des Belages.
Fertigestellung des Knüppelweges.
Am 01.06 Rammen der Pfahljoche , Verlegen der Streckträger,
Anbringen der Zangen und der Verschwertung.
Am 02.06. Verbolzung der Streckträger, Aufbringen des
Fahrbahnbelags und des Geländers.
Um 12:00 Uhr wird die Brücke dem Verkehr übergeben. Nebenarbeiten,
wie Einbau von Sprengwerken, Anbringen von Wegweisern usw.sind
22:30 Uhr beendet
Am Abend des 2.6. bestand die Brücke ihre Belastungsprobe, als Teile
eines motorisierten belgischen Regimentes mit Fahrzeugen bis zu 8 to
übergingen.
Nach erfolgtem Brückenbau lag die Kompanie noch zwei Tage in
Oyghem. Die Zeit genügte gerade, um sich in Courtrai etwas umzusehen.
Stadtbild wird von drei Erscheinungen beherrscht:
Die Soldaten in Feldgrau, die sich durch diszipliniertes Auftreten schnell
Achtung verschafft haben, durch die Gefangenen, die in bunten Haufen,
weiß, gelb, braun, schwarz, müde und zerschlagen nach den Sammellagern
geführt werden, und durch die Flüchtlingsfamilien, die verstört zu Fuß,
mit bepackten hochrädrigen Karren oder im Auto mit aufgeschnallten
Matratzen wieder ostwärts ziehen, der Heimat zu. "Mit Mann und Roß
und Wagen hat sie der Herr geschlagen."
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Der Marsch unserer Kompanie von Courtrai nach Paris
Vom 5.6. –19.6.1940
Von Hauptmann A.
5.6.1940
Es war eine warme Juninacht, als wir zum letzten Male auf den Strohschütten
im zerschossenen Schulsaal von Oyghem saßen und unsere Tornister packten.
Froh, dass es nun wieder weiter ging. Wohin wohl ? Nach Süden! Soviel ist
durchgesickert. „Hoffentlich nicht in die Champagne !“ sagten die „Alten“.
Um 2 Uhr marschbereit. Im gleichen Takt hallt der Marschtritt durch die Nacht.
Es geht der Sonne entgegen. Erst huscht ein heller Schimmer über den dunklen
Himmel, setzt dort am Baum und da am Giebel ein Licht auf, der Kirchturm von
Kerkhove steht schon gegen hellrotes Morgenlicht, es wird kalt, Nebel hängen
über der Schelde, ein Vogel setzt zu den ersten zaghaften Tönen an, und endlich
schiebt sich unwahrscheinlich groß die rote Sonnenkugel vor uns zwischen den
Strassenbäumen über den Horizont. Bisher sind wir genau nach Osten marschiert,
auf die Türme von Renaix zu. Kurz vor der Stadt wird rechts abgebogen. Ich
sehe auf den Marschkompass. Genau nach Süden! Also doch!
Heiß wird’s. Die Füße brennen auf dem Asphalt. Breit und schnurgerade zieht sich
die große Heerstrasse durch kleine Orte, dann wieder durch Hecken und Weiden
und kornbebautes Land. Schöner alter Baumbestand kennzeichnet die vielen
Chateaus.
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Die Sonne brennt und brennt. Es wird Mittag, 40 km sind wir marschiert.
"Noch 10 Minuten!" Ja, das alte Lied. Endlich da! "Wie heißt das Nest ?"
ANVAIN. Ein echt französisches Estaminet ist unser Quartier. Vor sechs
Tagen waren die Engländer noch hier. Kulturträger ? Schweinemäßig
haben sie hier gehaust. Das Wasser ist knapp, wir müssen es im
Schulbrunnen holen. Erst den Kopf in die Schüssel, dann die Füße. Wie
schön ! Hört ihr's zischen ?
6.6.1940 Früh 07:15 Uhr geht's weiter. Immer nach Süden ! "Valenciennes"
steht auf den Strassenschildern. Es wird wieder warm heute. Kragen auf
und Ärmel hochgekrempelt !
Gegen Mittag eine größere Stadt mit mächtiger Kirche. Peruwelz, noch
belgisch, aber knapp an der Grenze. Wir halten am Südausgang der Stadt.
Was bietet die Feldküche heute? Ach, Erbsen ! Vor der Häuserreihe, die
dunkle Schatten wirft, sitzen wir auf den Bordsteinen. Weiter ! Ein grosser
Wald, Bois de L'Eremitage. Es geht auf holprigen Strassen rechts vorbei,
die Hauptstrasse bleibt links. Wir kürzen durch eine Waldschneise ab und
kommen endlich, 15:00 Uhr an unser Marschziel, CONDE-VERD. Auffallend
viele Polen gibt es hier, die nach dem Weltkriege aus dem Ruhrgebiet
ausgewandert sind und in den Zechen von Valenciennes arbeiten. Wir
bleiben in Scheunen, teileweise wird gezeltet. Wie sich die Landschaft
geändert hat ! In Belgien
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überall grüne, blühende Hecken, hier hohe graue Mauern um jedes Haus.
Wie Festungen sehen die Gutshöfe aus.
Wir sehnen uns nach einem kühlen Bade. Bis zum Kanal sind's 3 km.
Mit dem Rade wird es riskiert.
Am Abend kommen die Siegesmeldungen vom Durchbruch an der Somme.
ERINNERUNGEN AN ANVIAN
Nach langem Marsch im Sonnenschein,
-in Flandern war's -
(wie hieß nur das Chateau?)
schlief ich im Parke müde ein.
Ein Vogel sang noch irgendwo.
Da hat der Wind sich aufgemacht
und diesen Traum zu mir gebracht:
Ich war daheim zur Sommerzeit
in meinem Haus am Bergeshang.
Im Lindenbaum die Amsel sang
Und hell im Garten wehr dein Kleid.
Das war mein Traum.
Ich darf davon nichts sagen,
sonst wird es mir als Urlaub eingetragen.
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7.6.1940 Gegen 07:00 Uhr hat die Kompanie die grosse Marschstrasse erreicht.
Bei Conde sur L'Escout wird eine gesprengte Brücke umgangen. Wir sind links
abgebogen und marschieren am überschwemmten Kanal entlang. Schlechte
Strassen, kleine Nester. Valenciennes bleibt rechts liegen. "Was sind denn das
für komische spitze Berge ?" Ach so, das sind die mächtigen Halden des
Kohlebeckens von Valenciennes. Heiß ist's Und jetzt geht's auch noch bergan!
Es muss doch längst Mittag sein! Links im Tal ein großes Bauerndorf: SEBOURG.
Gott sei Dank, für heute ist's geschafft. Es waren nur 22 km. In den grossen
Obstgärten der Güter wird gewaschen. Es gibt Persil hier, das muß ausgenützt
werden. Wir liegen in den beiden Schulen. Viel Stroh gibt's und Hühner und
guten Wein und reiche Bauern.
8/9.06.1940 Südlich von Sebourg wird's interessant. Wir kommen durch die
Daladierlinie. Bunker, Tankgräben, mächtige Stacheldrahthindernisse. Es hat
alles nichts geholfen, entlang der Strasse ist alles kaputt. Auch die Tanks im
Strassengraben.
Heute sind wir schon Mittags im Quartier, im Dörfchen NEUVILLE. Die Brauerei
ist leer, nur Milch gibt's und in einem Estaminet Selterwasser. Könnt ihr euch
an den Ruhetag in diesem Orte erinnern ? Ich sage nur : Zweimal Kalbsgulasch!
Mittags und abends !
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10/11.06 1940 Diesmal wird bei Nacht marschiert. Feldwege, stockfinster.
Die Hauptstrasse ist schon schwer zu finden, wo aber liegt das Strassenkreuz
Forett? Von dort muß links abgebogen werden, über schmale, schlechte
Wege und durch kleine Nester, die nachts noch gottverlassener wirken als
bei Tage. Im Morgengrauen Bazuel, an der großen Heerstrasse. Durch das
arg zerschossene Catillon sur Sambre. An der Sambrebrücke warten viele
Gefangene auf den Abtransport. Heiß ist’s wieder, und verdammt lang ist der
Marsch! Wie hießen die Nester doch ? Ich habe sie mir der Reihe nach notiert,
weil ich jedes Mal dachte, wir wären am Ziel : Oisy, Etreux, La Neuville-les-Dorengt,
Crupilly. Endlich halten wir auf einem lindenbeschatteten Dorfplatz. CHIGNY an
der Oise. Ein dreckiges Nest nur. Nein, wir zelten! Komische Wasserräder gibt’s
hier, eine verlassene Käserei mit Vorrat und irgendwo in de Nähe einen Flugplatz.
In der noch ganz schmalen Oise wird gebadet. Und Italien tritt in den krieg ein.
Na, das ist wenigstens was.
12.06.1940 Nachts weiter über die Oise. Viel sieht man nicht in der Finsternis,
doch da werfen englische Flieger schöne Leuchtschirme . Nett sieht das aus,
wenn die lichter am Nachthimmel schaukeln. Aber das Rauschen wird verboten,
und da verzichte ich lieber auf die ganze Illumination.
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La Vallee aux Ble, Housset, Chatillon, Sons-et-Roncheres. Wer soll sich diese
verrückten Namen merken ? Und gar nachts !
Zum Frühstück sind wir da, 24 km. wir liegen in Gütern, die kein Wasser haben,
weil die elektrischen Leitungen zerstört sind. Dafür gibt's in der Gärtnerei viel
Blumen, in den Scheunen viel Stroh und auf der Wiese mit dem Wassertümpel
viel Sonne.
13.06.1940 „Heute marschieren wir nach Laon.“ Der Gedanke verschönt den
Nachtmarsch. Wir sind auch schon beinahe heran. Aber da bleibt Oblt. Weber
kurz vor der Stadt vor einem Wegweiser stehen : „Zur Front.“ Richtig, er biegt
in diese Nebengasse ein. Hält man das für möglich ? Wir kommen nach Veslud.
Kein Mensch ist hier ! Auf den Feldern Landesschützen und Gefangene und
Kühe. Hinterher sieht aber die Sache gar nicht so dumm aus. Wir liegen auf
Stroh in der kleinen Schule. Es gibt Sekt, Rotwein und Rum und reife Erdbeeren
und Butter. Die Kaninchen laufen seit Kriegsbeginn frei herum und haben sich
offenbar in dieser Freizeit erschreckend vermehrt. Dem haben wir Einhalt
geboten. Es brutzelt überall in französischen Kaminen.
14/15.06. 1940 An das Marschieren sind wir nun gewöhnt. Es geht nach Süden.
Wohin wohl noch ? Vorläufig in finstere Nacht, Bruyerses entziffere ich ein
Ortsschild mit der Taschenlampe. Als die Sonne aufgeht, stehen wir auf dem
Chemin des Dames. Don-
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nerwetter ja, dass man das wiedersieht ! Und nun geht's so friedlich dort hinüber,
wo einst der Tommy sass.Den Friedhof hat er dagelassen. An der Aisne ist die
Brücke gesprengt. Bei der Notbrücke sinken die Wagen bis zur Achse im Felde
ein und müssen dann mit Seilen über die Brücke gezogen werden. Nach VAUXCERE.
So habe ich mir das Quartier gedacht! Ein ganz zerschossenes Nest! Strassensperren,
verschüttete Pferde und kein Mensch da. Drei, vier ganze Häuser gibt's noch und das
ganze Bataillon soll hinein ! Wir zelten. Es stinkt mordsmäßig. Nur die Erdbeeren sind
ein schwacher Trost, und die eigenartigen Felenhöhlen sind interessant. Hier ist es
"so schön!" Hier legen wir einen Ruhetag ein ! Klar, so wurde es auch. Plötzlich
kam die Nachricht : In Paris einmarschiert ! Da haben wir auf dem zerschossenen
Kirchturm die Glocken wieder in Gang gebracht.
16.6.1940 Jetzt heißt's laufen, sonst kommen wir nicht mehr hinterher! Aber man soll
auch nicht übertreiben. Um 3 Uhr nachts ging's los, und um 17:00 Uhr nachmittags
waren wir am Ziel, bei einer Mordshitze. Nachts überschritten wir auf Pionierbrücken
in Fismes den Vesle-Fluß. Und dann ging's ohne Ende weiter in Richtung Chateau-Thierry.
Ach nein, in der Marne baden, das gäb's 1 Noch rechtzeitig wird nach dem kleinen
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Neste EPAUX-BEZU abgebogen. 47 km, todmüde, keine Erinnerung mehr.
Doch! Kraftfahrkolonnen haben uns die ganze Zeit mit ihrer Staubaufwirbelei
geärgert.
17.06.1940 Wieder Nachtmarsch. Aber es geht ja nicht mehr
südwärts über die Marne, sondern nach Westen ! Sieh an, sieh an, was liegt
denn da ? Paris ! Nachts sieht man nichts. Dann kommt am Morgen ein
Feldweg, der Schnurgerade über eine Hochebene führt. Crouy sur Ourcq wird
jeder in Erinnerung behalten. Einmal wegen der weichen Federbetten, dann
wegen des Weines, und schließlich gab der Oberleutnant die Botschaft Petains
bekannt : Die Franzosen können nicht weiterkämpfen. Das lohnt doch zu feiern ?
In - wie heißt das Nest ? - Crouy sur Ourcq.
18.06.1940 Westwärts Crouy stoßen wir auf Rückkehrer. Warum die Leute
bloß ausgerissen sind.?! Mit Sack und Pack kommen sie wieder angezogen.
Benzin ist alle, der Kinderwagen quietscht, und die Schuhsohlen sind
durchgelaufen. Nur in den Herzen ist Hoffnung. Es geht ja wieder heim.
Heute haben wir nur 30 km zu schaffen. Es ist warm und sonnig wie immer.
Hecken längs der Strasse und kleine Wälder. Ab und zu schon Sommerhäuschen
eines Parisers im Grünen. Wir zelten in dem kleinen Walddorf CUISY.
Wie wir gerade eingerichtet sind, kom-
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men die Einwohner zurück. "Ja Madame, heute nachst müssen Sie nochmal im
Fremdenzimmer schlafen. Umso schöner wird's morgen!" Seht mal, ist das nicht
der Eifelturm? Wahrhaftig
19.06.1940 Großes Rätselraten. Paris? Die Quartiermacher sind an der Marne.
Dann Gegenbefehl : Weiter südlich, im Marnebogen. Demnach geht's doch
vorbei! Neuer Gegenbefehl : Paris ! Nun ja, warum nicht gleich so ? Die 223.
Division muß doch durch Paris ! Bei dem Hin und Her ist es Mittag geworden
und schön warm. Wir marschieren in den Vorort Rosny. Jetzt sieht man wieder
Menschen! In Massen. In Massen ! Etwas bedäppert stehen sie auf den breiten
Bürgersteigen, aber es sind doch wirklich reizende Mädels dabei. Lippen so rot,
wie du noch nie gesehen hast!
Einen Haken hat die Sache, oder zwei sogar: Erstens wird im Pariser Vorort
grundsätzlich der Stahlhelm aufgesetzt, Ehrensache ! Und zweitens wird in der
Schule auf Stroh geschlafen, aber die Luft ist doch beinahe Paris.
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Unser Einzug in PARIS am 20.06.1940
von Hauptmann A.
Als Quartiermeister voraus !
Paris ! Wenn ich zurückdenke ! Bis an die Marne standen wir schon 1914. Und
so wie wir gestern von Cuisy aus, so sah schon 1914 ein deutscher Reitertrupp
von Maux aus den Eifelturm aus dem Dunste eines heißen Augusttages aufsteigen.
Der Ulanenleutnant hob sich im Sattel und langte mit seiner Rechten lachend
hinein in das Morgengeflimmer. "Paris!" Und seine braven Reiter rissen die
staubverklebten Augen auf, blickten auf ihren Leutnant und dann auf den Turm
in der Ferne : "Paris ! Wirklich Paris?"
Ja, und dann ging es damals zurück. Immer zurück bis zum Schießplatz von
Mourmelon in der Champagne. Das war das Wunder an der Marne 1914.
Heute marschiert unsere Division in Paris ein, und das Wunder lächelt uns. Wunder ?
Nein. Es ist die Frucht der Arbeit , der Stärke und des Mutes.
4 Uhr morgens ! Ich rattere mit meinem Krad voraus. Der Nebel des Seinebeckens
hängt noch zwischen den Häuserschluchten. Feucht ist es und kühl. Ich ziehe den
Gummimantel enger, Heymann gibt Gas. Eine halbe Stunde fahren wir schon.
Immer hinein in die Häuserwüste
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Kreuzungen, Plätze, Denkmäler huschen vorbei. Kaum ein Baum in den Vorstädten.
Etwas verschlafen, wie lebendige Meilensteine, stehen die französischen Polizisten
und winken mit ihren weißen Handschuhen ein "Au Centre !"
Sonst ist kein Mensch zu sehen. Weiter werden die Strassen und prunkvoller die
Häuser. Da ist die Seine. Weit und licht ist die Stadt durch diesen Fluß in ihrem
Herzen. Weiß und Gold in den Farben der Könige, leuchten die Brücken im ersten
Morgenlicht. Wir biegen in den Place de la Caroncelle ein. "Mensch, Heymann !
Das ist der Louvre und dort der kleine Triumphbogen. Fahr hindurch ! Jetzt fahren
wir die Triumphfahrt unseres Lebens!"
Die Champs-Elysee ! 350 Meter breit ist diese Strasse! Springbrunnen, Platanen,
Denkmäler, goldene Gitter und grüner Rasen. Am Ende, an der Place de la Concorde,
hebt sich dunkel und feierlich der große Triumphbogen aus dem Morgenlicht. Rot
und warm flackert das ewige Feuer über dem Grabe des unbekannten Soldaten.
Vorbei ! 6 Uhr morgens. " Und nun fahr zu ! Am Eifelturm vorbei, Richtung Versailles!"
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DER EINZUG DER KOMPANIE
Deutsche Marschkolonnen in Paris ! Wir marschieren mit der ganzen Division.
Braungebrannt von vielen heißen Marschtagen, ausgetreten die Stiefel, staubig
die Röcke, aber blank die Waffen und blank die Augen und stolz das
Lied:" Wir sind Pioniere..." Seit 3 Uhr marschieren wir. Es ist nicht so einfach,
sich in die lange Kolonne Einzugadeln, die von allen Seiten dem Zentrum
zustreben. Wir halten und warten.
Paris erwacht spät. Nur einzeln noch Menschen, die durch den gleichen Marschtritt
ans Fenster gelockt werden oder vor die Tür. Ein paar Frauen und Kinder huschen
vom Bäcker, vom Boulanger -, mit dem langen französischen Weißbrot unter
dem Arm zum späten Frühstückstisch. Atemlos berichten sie :" Die Deutschen
sind da ! Kolonnen ohne Ende. Und nicht verhungert, sondern frisch und stark !
Was schrieben nur unsere Zeitungen !?! Ces menteur (Lügner), quel malheur !"
Die Sonne ist hochgeklettert über die Schluchten der Strassen. Hier im Zentrum
säumen jetzt viele Menschen die Fusssteige. Gut angezogen, diese Pariser ! Die
Frauen bepudert und bemalt ! Und hinter den glänzenden Scheiben der Geschäfte
ist der Reichtum ganz Frankreichs ausgebreitet. Wir marschieren, nach vorn und
seitwärts ausgerichtet. Der Stahlhelm drückt und die Füße brennen auf diesen
verdammten
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Stadtstrassen ! Im Dunst des Vormittags taucht der Eiffelturm auf. Wir marschieren
jetzt auf schnurgeraden Boulevards entlang am Seineufer. Rechts und links Bäume
und viel Volk, dass scheinbar nichts zu tun hat. Am Louvre vorbei, am Palais Royal,
an den Tuilerien. Das ist also Paris !
Nein, nein wir träumen nicht.Jetzt geht's zum großen Triumphbogen ! Marschmusik
klingt von Ferne auf. Achtung, Vorbeimarsch ! Sitzt der Stahlhelm gerade, Ist das
Band der Gasmaske verdreht ? Wir treten nach vorne ein. "Achtung ! Augen - rechts !"
Dort steht General Körner ! Ja, jetzt kommen die Pioniere ! Wir reißen uns zusammen,
stolz auf unser Bataillon, unsere Kompanie. Vorbei ! Das klappte ! "Rührt Euch !"
Der Eiffelturm ist längst hinter uns verschwunden. Kein Ende nimmt diese Stadt. Die
Mittagshitze hängt träge zwischen den Häusern. Wir marschieren wohl längst durch
westliche Vorstädte. Hässlich sind hier die Strassen, und der Dunst der Großstadt hängt
darin. Richtung Versailles! Mancher denkt jetzt an die verflossenen Größen, an den
Hasser Clemenceau, an den amerikanischen Professor, - wie hieß er gleich ? - richtig,
Wilson. An den Engländer Lloyd George, die alle hatten hier in Versailles das
Schanddiktat ausgebrütet. Und an die ausgerissenen Größen neusten Datums : Daladier
und Mandel. Fester wird der Tritt, wenn die Füße auch brennen. Laßt sie nur
staunen, die Pariser !
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40 km marschieren wir schon. Am Versailler Schloss ging's vorbei, verlassen
und verödet lag der große Vorhof. Noch eine Stunde ! Wie hieß der Ort?
OISIN. Hoffentlich ist's ein gutes Quartier diesmal.
Endlich! 43 km. Ein romantisches altes Gut mit Wassergraben ringsum.
Erst mal hinlegen! Gibt's nichts zu trinken hier? Im weitverzweigten
Kellergewölben liegen noch ein paar verstaubte Flaschen. Dittberner
entdeckt ein verstimmtes Klavier. Wir sind müde vom Sehen, von der
Hitze und vom Marschieren. Aber es war doch Paris heute. Wir singen
und trinken. Und dann schreibe ich:" Mutter, ich war in Paris heute...!"
wir schlafen auf dem Heuboden.
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Der Marsch von
VOISIN nach DIVES SUR MER
vom 21.06. bis 28.06.1940
Von Gefreiter D.
21.06.1940 In der Nacht geht es schon weiter. Es ist noch finster , wir können uns nur nach dem Vordermanne richten.
Als es heller wird, ist der Himmel verhängt, doch schaut es aus, als ob es sich aufklären wolle. Im Vormittag bricht die Sonne durch, und wir marschieren bei schönstem Wetter.
Unser heutiges Quartier liegt in einem riesigen, wunderschönen Park. Ein Erholungsheim der Stadt Paris. Kunststück- da muss es ja schließlich schön sein ! Doch das Dorf GAMBAIS ist sehr dürftig.
Am Eingang des Parks sind die Gräber zweier deutscher Soldaten, darunter ein Kriegsberichter. Blutdurchtränkte, zerfetzte deutsche Uniformstücke liegen umher.
Im Ort treiben sich viele Farbige herum, auch evakuierte französische Familien halten sich hier auf und hausen in verlassenen Gütern und Häusern.
Gegen Mittag kommt die Kompanie an, verteilt sich in den Räumen und kann nach langer Zeit wieder einmal in Betten schlafen. In der Kapelle des Heimes steht ein Harmonium, ich spiele eine Stunde.
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Der andere Flügel des Gebäudes wird von der dritten Kompanie bewohnt.
02.06.1940 Früh am Morgen marschieren wir von Gambais ab. Schade, dass hier kein Ruhetag ist! Der herrliche Park, die Betten...Wir bedauern, diese Annehmlichkeiten so schnell verlassen zu müssen.
Jetzt rächt es sich, dass wir unsere schönen, nagelneuen Fahrräder in Vise zurücklassen mußten. Viele Fußkranke! Es kommt Befehl, jedes nur brauchbare Rad aufzugabeln und mitzunehmen. Zu spät! Die Ausbeute ist nur noch dürftig.
Bei der ersten Rast sitzen wir am Strassenrand, haben nichts zu rauchen. Eine Fliegerkolonne fährt vorbei. Die Kameraden werfen uns Hunderte von Zigaretten aus den Wagen zu. Die gute Marke "Craven A", made in England, ein langentbehrter Genuß nach dem verdammten, scharfen Kraut der Franzosen, das wir als Verpflegung erhalten.
Der Marsch ist trostlos, die Landschaft einsam; die Dörfer durch die wir marschieren, sind armselige Nester. Genau so ist auch unser Quartierort MOUSSEAUX - NEUVILLLE, den wir gegen 14:00 erreichen.
Es gelingt, ein paar Eier zu organisieren, die wir in der Küche unseres Quartiers, eines Bauerngehöftes, kochen. Zum ersten Mal trinken wir Cidre, den in Nordfrankreich so beliebten Apfelmost.
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Und Flöhe gibt es hier...
23.06.1940 Am frühen Morgen geht es weiter. Einige Kilometer hinter Mousseaux ist ein Trümmerhaufen auf der Strasse. Zwei Autos der Flieger fuhren bei Nacht zusammen und brannten völlig aus. Wir sehen die verkohlten Leichname der Insassen.
Jetzt sind wir in der Normandie, deren Bewohner uns rassisch noch am nächsten stehen. Und wirklich findet man auch viel eher ein persönliches Verhältnis zu den Menschen der Normandie als zu den Franzosen anderer Gegenden. Doch verwahrlost ist das Land trotzdem, man sieht baufällige Häuser, liederliche und ungepflegte Ortschaften und Felder. Und so reizvoll die Landschaft mit ihren weiten grünen Flächen, mit ihren mannshohen Hecken und dunklen Wäldern auch ist, alles wirkt doch irgendwie bedrückend und ohne Trost.
Unser Marschziel ist LE FRESNE, das wir am frühen Nachmittag erreichen. Die Kompanie liegt in einem großen, verlassenen Gute. Wir stecken wieder auf dem Heuboden. Im Schuppen stehen zwei riesige Fässer Cidre. Das Getränk schmeckt säuerlich und ist nach langem Marsche sehr erfrischend.
Unser Quartier ist mäßig. Heuboden und Scheunen starren vor Schmutz. Mancher zieht daher vor, im Zelt zu schlafen.
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24.06.1940 Wir marschieren wieder bei glühender Sonne. Auf schwarzer Asphaltstrasse geht es immer vorwärts und vorwärts. Wenn in der Ferne eine Ortschaft auftaucht, hoffen wir, es möge ST AUBIN sein, doch wir sehen uns stets von neuem enttäuscht.
Auffallend ist hier in der Normandie das fast gänzliche Fehlen von Getreidebau. Dafür sehen wir Obstfelder, Baum an Baum. Das Obst, vor allem Äpfel, dient meist zur Herstellung von Schnäpsen (Calvados) und weinähnlichen Getränken wie Cidre. Es ist schade, dass das Land so mangelhaft ausgenützt wird.
Endlich biegen wir von der Hauptstrasse ab. Heut ist unser Quartier ein großer, prächtiger Herrensitz. Wir sind mit dem Stab zusammen. Die Kompanie ist auf zwei Flügel verteilt, wir liegen in dem einen Flügel auf Heu und trinken Cidre. Merkwürdig, wie schnell man sich doch an das Zeug gewöhnt. Dabei fühlen wir uns durchaus wohl, Morgen soll ja Ruhetag sein.
Die Verwaltersleute machen uns Spaß. Sie sind sehr ängstlich; noch nie hatten sie es mit deutschen Soldaten zu tun. Wer weiß, was man ihnen von uns für Räubergeschichten erzählt hat.
Das Wetter ist herrlich, wir legen uns in den Garten. Irgendwoher bringt einer ein paar Kartoffeln. Wir bauen im Garten einen Ofen auf und kochen sie. Am Abend sitzen wir gemütlich im Freien.
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25.06.1940 Heute ist Ruhetag. Wir waschen unsere Wäsche, bringen die Sachen in Ordnung und hungern im übrigen nach Nachrichten, denn heute Nacht soll ja der Waffenstillstand mit Frankreich in Kraft treten. Hier ist also der Krieg endlich aus, oder eigentlich schon aus, denn wenn man an die vier Jahre Weltkrieg mit seinem harten, unerbittlichen Ringen auf beiden Seiten denkt, dann erscheinen die 45 Tage, welche die Westoffensive und der Siegeslauf der deutschen Wehrmacht dauerten, wie ein Märchen.Nun ist nur noch England übrig.
26.06.1940 Es ist bestimmt kein reines Vergnügen, beim Erwachen [...]
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St. Pierre ist ein kleines, kümmerliches Nest, dementsprechend können wir auch an unser Quartier keine Ansprüche stellen. Es ist eine Dorfschule, da sollen wir auf blanken Dielen schlafen. Das alles nehmen wir jedoch mit Humor hin. Dazu haben wir noch Gelegenheit, in der Küche des Schulhauses zu bruzeln und zu braten. Bald knirscht das Fett im Tiegel, und wir halten dann ein fürstliches Abendbrot: Pellkartoffeln, Bouletten und Kakao.
27.06.1940 Nur noch ein Tag! Wir marschieren früh los. Heute kommen wir nach ANNEBAULT, dem letzten Ort vor Dives. Ein Kommando von 20 Mann fährt schon voraus, die Quartiere vorrichten. Gerüchte schwirren herum: Unterbringung in Hotels! Hält man das für möglich ?! Unsere Stimmung steigt gewaltig.
Die paar Stunden Marsch vergehen unter solchen Umständen schnell. Etwa 13:00 Uhr treffen wir in Annebault ein. Wir sind in Scheunen untergebracht, doch morgen schlafen wir vielleicht schon in richtigen Betten ?!
Diese Aussichten müssen natürlich gefeiert werden. Ein paar Flaschen Wein sind schnell bei der Hand in diesem Lande Wir stossen an auf die neuen Quartiere, auf Dives und das Meer. Prosit!
28.06.1940 Heute ist es so weit ! Endlich ! Dazu nur 14 km Marsch, was können wir mehr verlangen. Die Sonne steht am Himmel, es ist ein wunderschöner,
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klarfrischer Sommermorgen. Munter klingen unsere Schritte auf dem Asphalt, munter schallen unsere Lieder durch die Morgenluft. Wir marschieren durch dunkle Wälder, rasten am taufeuchten Strassenrand, marschieren weiter...
Und plötzlich öffnet sich das Land, der Wald tritt zurück, die Strasse senkt sich. Vor uns liegt weit und unendlich das Meer. Die Luft ist warm und würzig und schmeckt nach Salz. So wie uns ist vielleicht den Griechen zumute gewesen, als sie nach langer und mühseliger Wanderung ans Wasser kamen. ;Thalatta, Thalatta!" - "Oh Meer, oh Meer" riefen sie. In wundervollem, blauen Leuchten strahlt es zu uns herüber, da wird das Herz weit, und vergessen sind alle Strapazen. Die meisten von uns sehen das Meer heute zum ersten Male, und den sonst so rauhen Mündern entströmen Worte der Begeisterung.
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In Dives lag die Kompanie vom 28.06. - 09.07.1940
DIE DIVES-ODE
Von Gefreiter D.
Nenne mir, Muse, die Mär, die uns einstmals erreichte,
Als munteren Schrittes die muntere Schar noch dahinschritt!
Bei Annebault war es, und hurtig marschierten dem Meer zu,
Dem unermeßlichen, unendlichen weiten mit grünem Gestade
Anitzo die Reihen strapazengewohnter Soldaten.
Pioniere waren`s der 1.Pi. zwo-dreiundzwanzig,
Und alsbald, so hieß es, sollten Ruhe sie haben.
Wie freuten sich die Pioniere, als solcherlei sie vernahmen,
Und hochgespannt war die Erwartung auf kommende,köstliche Stunden
Als gegen Mittag sie zogen durch kühle und grünende Wälder,
da öffnete plötzlich das Land sich und lag weitgebreitet vor ihnen;
Da hinten sah'n sie das Meer schon, erstrahlend in tiefdunkler Bläue.
So weit das Auge noch reichte, war Wasser nur, Wellen und Wolken...
Ganz vorne, im Grünen verborgen, da standen rotgedächerte Häuser,
Einladend freundlich, so schimmerten sie durch die Bäume.
Als solches die kleinen Marschierer erblickten, da öffnete ihnen das Herz sich;
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Wie weiland die Griechen es riefen, nach langem Marsche ans Wasser,
So riefen die Pioniere den klassischen Spruch in den Himmel :
"Am Meere, am Meere!" und weithin , da war es zu hören.
Mit munteren Liedern marschierten sie lustig ins Städtchen;
Herrlich waren die Folgen, herrlicher konnten sie nimmer
Das Hirn selbst des kühnsten der Sänger ersinnen,
Die Helden, die hurtig und tapfer gestritten bei Lüttich,
Jetzt konnten sie pflegen der Ruhe, die redlich verdient sie.
In Dive geschah es, am Meere, da Dauerquartier sie bezogen
In schönen Hotels mit fleißendem Wasser und himmlischen Betten.
Beim Eintritt der Recken, da lächelten liebliche Mägdlein,
Straffer ward da die die Haltung und zarter wurden die Worte,
Die vorher mit rauhem Tone die Wanderung stets beherrschten.
Bald wurden sie heimisch, die Helden, und sehnten sich wieder nach Taten;
Ihr Chef, der vernahm diesen Wunsch und war gerne bereit zur Erfüllung.
Arbeit gab es in Hülle und Holz fand sich auch in der Nähe.
So zogen sie täglich zum Fluß, eine Brücke darüber zu schlagen,
Sie hämmerten hurtig und sägten und strengten sich an gar gewaltig,
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Genau wie die Heinzelmännchen zu Köln, als es dort noch bequem war.
Des Mittags, da ließen das Handwerk sie ruhen, marschierten zurück in das Städtchen.
Wie drehfüßige Rinder abends zur Tränke sich Wälzen,
So zogen sie abgearbeitet, trotzdem noch guten Mutes, zum Essen.
Sie harrten erwartungsvoll all jener Dinge, die kräftige Hände bereitet,
und manch einer fragte beim Anblick des schwitzenden, glühenden Kochs:
"Heil Dir, oh Schaffer, was bringt uns denn heute der Tag ?
Ist es ein sittsam blickendes Lamm oder gar der beineschwingende Ochse?
Sind's Schenkel, strotzend von Mark, oder Fische, dem Erdumarmer Poseidon entrissen?"
Allein, es war nichts von allem; als Höchstes gab's manchmal nur Eintopf.
Doch dieser war ebenfalls trefflich, und so erhoben die Hände
Die herrlichen Helden zum lecker bereiteten Mahle
Nachdem sich gestärkt nun die Wackeren, drängt' es sie wieder zur Arbeit:
Verschwertungen wurden gezimmert und oft der Verkehr auch geregelt.
Sie waren mit Eifer am Werke, und nimmermehr ruhten die Hände;
Hei, da flogen die Bretter, die Balken, die Nägel, die Hämmer,
Geländer erstanden, und baldigst nahm auch die Brücke gar schöne Gestalt an.
Am Abend, wenn ruhte das Werk und die Sonne versank dann im Meere,
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Wenn alle Häuser und Bäume schon längere Schatten warfen,
Da zogen sie heimwärts, die Helden zur Heimstatt mit heiterem Singsang
Dort saßen sie dann vor der Türe, genossen manch edelen Tropfen,
Wie sich's geziemt für wackere, furchtlose Krieger.
Und baldigst nahte die Zeit, da die Hurtigen mussten verschwinden;
Von neuem Befehle gerufen, erkannten Cormelles sie als Marschziel.
Als die rosenfingrige Morgenröte eines Tages erwachte,
Zogen still und stumm in der Ferne die tapferen Streiter.
- Ende -
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CORMELLES
vom 10.07. bis 18.07.1940
von Hauptmann A.
Heute müssen wir uns von unserer Division trennen.
Es geht neuen Aufgaben zu. In Cormelles gilt es, ein Gefangenenlager für 20.000 Mann auszubauen. Wer kann das ? Natürlich nur die Pioniere!
Der Abschied von Dives fällt uns schwer. Fort geht's vom Meer und seiner blauen Weite!
Cormelles ist nur ein ländlicher Vorort der Hafenstadt Caen. Nüchtern wie Vororte eben sind. Wir haben hier auch keine weichen Federbetten und keinen sonnenwarmen Strand, nur Strohsäcke in heißen Holzbaracken mitten im zukünftigen, stacheldrahtumflochtenen Gefangenenlager. Morgen schon soll die Arbeit beginnen. Angesetzt werden unser Bataillon, zwei zugeteilte Kompanien eines Baubataillons und Kriegsgefangene soviel wir haben wollen. Da heißt's organisieren ! Im Bürohaus gibt es jetzt ein Hochbauamt und eine Tiefbauabteilung und ein Konstruktionsbüro. Der Verbrauch an Bleistiften und Transparentpapier steigt ins ungemessene.
Das Lager ist eine französische Munitionsfabrik, die in den ersten Kriegstagen gerade erst in Gang gekommen war. In den Hallen türmen sich Munitionskisten zu Bergen, auf den Tischen liegen die Granat-
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zünder halbfertig, wie es der Arbeitsgang am laufenden Bande ergab. Säle mit vielen Reihen von Nähmaschinen, Haufen seidener Fallschirme, gepanzerte Füllräume für Monition und Fliegerbomben aller Größen. Fahrzeuge, Maschinen und Metalle: Kupfer , Zinn, Blei und Messing.
Und hat doch alles nichts genützt! Jetzt räumen wir auf und aus. Das elektrische Licht wird in Ordnung gebracht und die Pumpe zum Wasserturm. In der Tischlerei surren die Hobelmaschinen beim Bettenbau , und Band- und Kreissägen kreischen um die Wette. Hier können sich die Pioniere mal richtig austun! Hauptmann Scholze regiert in der Schlosserei.
Wie sagt immer unser Oberleutnant? Wir müssen uns immer so einrichten, als blieben wir einen Monat hier." Einen Monat ? Hier gibt es arbeit für ein halbes Jahr!
Am 11.07. wimmelt es im Lager wie in einem Bienenhaus. Hallen werden geräumt und Betten gebaut. Oblt. Bothe ist stolz auf sein Werkzeuglager. Wie in einem Großbetrieb mit deutscher Ordnung. Sogar die elektrischen Selbstfahrer sind schon aufgeladen und in Schwung. Wo es an Fahrzeugen fehlt, müssen die Gefangenen heran und Kisten schleppen.
Am Abend geht's in die Stadt. Nach Caen, der Stadt der Glockentürme. Wir stehen bewundernd vor den schönen romanischen und gotischen Kirchen und freuen uns an dem regen Treiben, dem Hin und Her-
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schieben auf den Strassen.Viel lebhafter sind die Leute hier. Fast südfranzösisch schon! Man merkt auch gleich, dass Caen eine Handelsstadt ist. Alle Läden sind vollgestopft. Es beginnt uns allmählich hier zu gefallen. Aber wir haben wohl immer alles zu gut gemacht. Während wir hasten und schuften, sitzt in der Ferne der Divisionskommandeur und bohrt und bohrt. So lange bohrt er, bis er seine Pioniere wieder bei der Division hat. Der Befehl kamm schon am 18.7. Andere Pioniere rücken an und setzten sich ins fertige Nest. So ist der Lauf der Welt Wir haben nie das Glück. Wir müssen immer erst ausmisten, und wenn wir fertig sind, geht's fort.
So dringlich werden wir gebraucht, dass wir nicht einmal marschieren dürfen! Am frühen Morgen des 19.7 fahren französische Lastwagen am Lagertore vor. Wir staunen nicht schlecht. Aber besser schlecht gefahren als gut marschiert. Wo geht's denn hin? Nach Verneuil! 140 km nach Südosten. Ach du lieber Strohsack! Winke, winke ! Wir brausen dahin. Vor uns blühendes Land, hinter uns eine lange Staubfahne. Eine motorisierte Truppe hat doch etwas für sich. Alles spritzt zur Seite, wenn wir angerackter kommen. Und Stiefelsohlen werden gespart.
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Verneuil
vom 19.07. bis 03.08.1940
Von Hauptmann A. und Gefr. H.
Schon von weitem sehen wir im Blickpunkt der schnurgeraden Strasse das Wahrzeichen der Stadt, den hohen Kirchturm n flämischer Gotik. Dann fahren wir auf den Marktplatz stolz mit unserer Autokolonne auf. "Alles aussteigen" Die Sonne scheint und die Quartiere in leerstehenden Bürgerhäusern erweisen sich als wirklich gut. Was tun wir hier ? Gefangenenlager bauen ! Wir werden noch Spezialisten ! Aber die Aufgabe ist hier doch wieder ganz anders. In Cormelles standen die Hallen einer Fabrik da und warteten auf den Ausbau. Hier stehen wir vor einem leeren Felde außerhalb der Stadt, neben dem bereits vorhandenen, aber viel zu engen Barackenlager.
Als am ersten Tage der Stacheldrahtzaun abgesteckt wurde, dachten manche: Das soll wohl eine Stadterweiterung werden? Und am Ende war's doch eher zu klein als zu groß! Erst wurden Spitzzelte aufgestellt, wohl 150 Stück. Da sieht man am Abend, was am Tage geschafft wurde. Unser General interessiert sich sehr für SEIN Lager und freut sich am Wachsen. Major Hesse (1a) meinte sogar:"Das geht ja in amerikanischem Tempo!" Dann kamen Holzbaracken dran. Zum Teil bauten wir sie neu, zum Teil wurden sie in einem Waldlager, 25 km entfernt, abgebrochen.
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und abtransportiert. Das war was für unsere Zimmerleute! Aborte, Waschhäuser, Küchen, Wasserleitungen (die Rohre wurden aus Paris geholt), Schleusen, hohe Stacheldrahtzäune. Man glaubt nicht, was zu einem solchen Lager alles gehört.
Wie ärmlich sieht daneben das alte Lager aus. Die Weißen haben Baracken, die Engländer Zelte, die Schwarzen Hütten. Chacun a son gout. Hauptmann Scholze, der lange in englischer Gefangenchaft war. meinte, es wäre alles viel zu vornehm, besonders die Latrinen.
Die Einwohner, die anfangs sehr zurückhaltend waren, werden von Tag zu Tag freundlicher. Was schleppen sie alles ins Lager hinaus, um die Gefangenen zu füttern. Und dann sitzen während der "Sprechstunde" Männlein und Weiblein auf den Bänken des alten Tennisplatzes neben der Wache, dicht bei dicht, und beraten, was wird, wenn...Die Schwarzen, die Marokkaner und die Tommies haben keinen Besuch. Sie haben viel Zeit und müssen uns helfen, Bretter und Balken zu schleppen. Die Neger sind fleißig, die Marokkaner streitsüchtig, die Tommies von allen verachtet. Lustig ist eine "Negerwäsche". Ein weisses Hemd auf schwarzem Grund. Einer seift, und der andere hält still und achtet, dass alles schön schäumt. Dann kommt ein Eimer Wasser darüber. Und trocken wird das Hemd am Leibe. Es kann dort auch von niemandem gestohlen werden. Ernteurlaub gibt's auch im Lager. Aber nur
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für Franzosen. Da sah man nur glückliche Gesichter. Und könnt ihr Euch an den kleinen Jungen erinnern?
Er hatte keine Mutter und war mit seinem Vater in den Krieg und in die Gefangenschaft gezogen. Jetzt geht er mit auf Ernteurlaub.
Von der Stadt? Ja, was ist da schon zu sagen? Jeder kennt den kleine Laden, wo es noch englische Zigartten gab, den Laden für Strümpfe und das kleine Eckcafe. Französische Wörterbücher waren sehr gefragt. Nein, nicht nur zum Einkaufen. Und denkt ihr noch an die schöne Stunde, als die ersten Urlauber zum Bahnhof zogen ? Ja, in Verneuil begannen unser Urlaub wieder. Irgendwo in einer grünen Mappe im Geschäftszimmer liegt eine Urlaubsliste, und da muß auch irgendwo mein Name stehen, an irgendeinem Tag. Mit leuchtenden Augen drückten wir den ersten Urlaubern in Verneuil die Hände und wünschten ihnen "gute Reise!" ("Kannst Du ein Päckchen mitnehmen?")
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Pennedepie
vom 4.8. bis 25.10.1940
Von Hauptmann A.
In Verneuil mußten wir bei Nacht und Nebel unsere Zelte abbrechen. So schnell ging alles, dass nicht einmal zum Abschiednehmen Zeit blieb. Und gerade das hätte mancher so nötig gehabt. Marschieren? Wo denkt ihr denn hin? Auf LKW's brausen wir in den Morgen hinein.
??????
Ja, das haben wir uns alle gefragt. Aber warum soll Brauchitsch gerade an uns verraten, was er im Schilde führt?
Die Ortschaften, durch die wir staubaufwirbelnd dahinsausen, kennen wir schon: Rugles, Orbec, Lisieux und Pont l'Eveque.
Von Süd nach Nord, mitten durch die Normandie. Es sind dieselben schnurgeraden Alleen wie überall in Frankreich. Im Gedanken an uns gebaut und deshalb jetzt so gut benutzbar. An den Bäumen hängen große Mistelnester, beiderseits unbestelltes Land, versumpfte Wiesen, ungepflegte Laubwälder, ein paar umgestürzte Lastwagen, Viehweiden und Obstgärten.
Der Franzose lebt damit so in den Tag hinein. Die Hecken wachsen haushoch. Es wächst hier überhaupt alles wie es will, aber üppig dabei. Nur wenn der Kamin Holz verlangt, zieht der fermier mit einem
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sensenartigen Messer los und hackt ein Stück von seiner Hecke ab. In den Dörfern sind die Häuser aus weißem Kalksandsteinquadern gefügt. Wundervoll ist dieses Baumaterial.Viel zu schade, um so zu verloddern wie hier. An jedem Eckgiebel hängt riesengross weiß und rot auf schwarzem Grund gemalt die Schnapsreklame :
St Raphael
Quiquina
rouge et blanc
Ob diese Schilder das Land so menschenleer gemacht haben ? Oder hat es schon der mörderische Calvados alle geschafft ?
Jeder Bauer brennt ihn hier an Ort und Stelle aus seinen Äpfeln.
Auf Schritt und Tritt (oder sagen wir heute als T-Mot-Einheit lieber: Von km-Stein zu km-Stein ?) stossen wir auf Zeugen alter Baukultur. Eben fuhren wir noch durch langweilige graue Gassen, in denen nur die Schuh- und Lebensmittelgeschäfte interessierten, da hält der LKW vor einer Gruppe alter Häuser mit dunklem Fachwerk, steilen Giebeln und geschnitzen Erkern. Fast glaubt man sich nach Flandern versetzt. Später ein Renaissance -Torbogen vor einem verwahrlosten Gutshofe, ein Fenster mit gotischen Steingewänden, ein verwunschenes Chateau zwischen ärmlichen Hütten. Die Kultur ist versunken, das Neue ist schlecht. Nur die normannischen Menschen, groß, blond und blauäugig, sind geblieben.
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Je mehr wir uns der Küste nähern, desto schöner wird die Landschaft. Die Hecken blühen und schließen sich als Laubengang über den Wegen. Weiche grüne Hügel, vornehme alte Adelssitze und weinumsponnene moderne Landhäuser. Man fühlt die Nähe der großen Luxusbäder und der reichen Stadt Rouen, wo das Geld scheffelweise die Seine hinauf und hinunter verfrachtet wird.
Im Tale des Touques-Flüsschens brausen wir nach Trouville hinein.
"Hier war ich schon einmal mit dem Generalsboote überfällig!"
"Und ich kenne eine Hafenkneipe, da hängt ein Krokodil an der Decke."
Der LKW schlägelt sich mit Mühe durch die vielen der Uferstrasse. Rechts steigt die bewaldete Küste wohl 100 Meter hoch an,links ist der Blick frei aufs weite Meer.
Uffz. Tappert steht breitbeinig wie ein Kapitän im Wagenkasten und zieht gierig den salzig-teerigen Hafengeruch hinter seinen Schifferpullover.
Villerville! "Hier liegt der Stab!" und dann sind wir da, in Pennedepie. Erst fanden wir keine Quartiere, weil die Häuser so weit verstreut im grünen liegen. Und als wir endlich das prächtige leerstehende Landhaus auf halber Höhe und das Waldschlösschen am Parkrand mit dem weiten Meer-
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blick erobert hatten, lebten wir immer in Angst, dass uns die Flieger wieder lüften könnten. Aber Pioniere werden immer gesucht. Auch die Flieger in Evreux merkten bald, dass wir die nettesten Kerle der ganzen Division sind. Wir haben ihnen ein Gut weggesprengt, das ihnen im Wege stand, und 100 km Stacheldraht um sie hermgezogen für alle Fälle (Oblt. Bothe). Auch bei den Artilleristen auf den Dünen bei Deauville machten wir uns Liebkind und bauten ihnen ihre Küstenbatterie ein (Oblt. Kaiser) Und denkt ihr noch an die grosse Besichtigungsübung? Den nächtlichen Übergang über den Touque-Fluss bei La-Bondellerie.
Meine Stiefel haben sich bis heute noch nicht wieder richtig erholt von den nassen Wiesen. In Villerville schoben wir einen selbsterfundenen Landungssteg Strecke für Strecke weit hinaus in die Brandung. Das Tollste aber waren die Fahrübungen in Flosssäcken auf dem Meere. Von Windstärken verstehe ich nicht viel , aber geschaukelt hat es ordentlich, außen und innen.
Am Ende hatten wir uns ganz hineingelebt in den Gedanken:" Landen an freier Küste." Warum auch nicht? Dem ollen Normannenherzog Wilhelm (dem Eroberer) war es von hier aus geglückt, ganz England zu besetzten (1066), und Napoleon I hatte seinerzeit von Cherbourg aus etwas Ähnliches geplant. Und jetzt saßen wir hier! Die Frontzulage können wir
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doch nicht umsonst verlangen? Das Englandlied wurde unser Schlachtgesang und unser Nachtgebet. Es fragt sich nur noch : Wann? "Nur nicht so neugierig, meine Herrschaften, wir kommen schon !"
Könnt ihr euch erinnern, als zum ersten Mal ein deutscher Geleitzug in Le Havre einfuhr? Wir dachten anfangs, es wäre übergeschnappte Tommies. Und denkt ihr an den Feuerzauber Nacht für Nacht? Wenn die Scheinwerfer ringsum in den Nachthimmel stachen und helle Ringe a n die Wolken malten ? Und über Le Havre taumelten Leuchtgeschosse der Flak kreuz und quer. Manchmal sah es aus wie ein nach oben gerichteter glitzernder Wasserfall. Zuletzt wurden wir nur noch munter, wenn die schwere Flak hinter unserem Hause loslgte und Granatsplitter auf unser Dach regnen ließ. Wißt ihr noch, wie eines Nachts ein der Britenbomber gerade vor uns ins Meer stürzte ? Und wie das alte Schloss am Berge abbrannte? Und der große Scheinwerfer sich mitten auf unserem Fussballplatze aufbaute? Es gibt ja so viel zu erzählen von diesen vier Sommermonaten.
Die Fahrten per Rad nach Honfleur, die so romatisch waren, weil das Nachtzeichen fehlte. Oder ein warmer Sommerabend hinter den alten Bäumen bei "Ches Mohu" in Villerville? Wir wollen sie ruhen lassen,diese Erinnerungen, und in unseren Herzen still bewahren!
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DER MARSCH VON PENNEDEPIE NACH ORLEANS
vom 26.10. bis 06.11.1940
von Gefr. H.
26.10.1940 Ist es denn tatsächlich Wirklichkeit, dass wir die Küste wieder verlassen, dass wir wieder marschieren müssen ? Gewiss, Soldaten können nicht ewig an einem Ort bleiben. Aber früher sind wir immer vormarschiert! Jetzt, jetzt marschieren wir wieder zurück! Diemal fält der Abschied besonders schwer, denn wir verlassen die Küste, die Stätten so vieler freudiger Erinnerungen, unser Chateau.
Und doch, es ist schon so. Wer es nicht glauben will, spürt's an den eigenen Knochen: Wir marschieren wieder! Verstohlen sieht sich dieser oder jener von der Höhe aus noch einmal nach Pennedepie um. Leb wohl! Über Manneville führt uns der Marsch nach LA PEPARD. Das waren nur 22 km, und noch war das Wetter angenehm, so recht zum Laufen, aber das war ja auch erst der Anfang! Ob wir es immer so freundlcih antreffen werden wie in unserem ersten Quartier auf neuem Marsch? Wer weiß, vielleicht hat in der Nacht noch mancher vom vergangenen Kameradschaftsabend oder von den wiesen und Weiden und Hecken und manchem schönen Plauderstündchen am Meer geträumt.
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Nur der Abschiedsabend sei noch erwähnt. Der Oberstleutnant war bei uns zu Gaste im soeben fertiggestellten Gemeinschaftsraum. wir hatten die Holzgalerie als Wikingerschiff ausgebaut mit ausgelegten Rudern und Schilden. Und auf jedem Schild stand eine Station unserer langen Heerfahrt :
Hunsrück und Posen und Bernau und Alten, Lüttich, Vise, Oyghem, Paris, Dives und Verneuil. An der Decke schaukelten die Lichter, im Kamin knatterten die Scheite. wir sassen dicht bei dicht, fast wie auf einem Transporter.
Schade, Schade !
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27.10.1940 Huh ist das kalt geworden! Tja, wir haben auch schließlich hon Oktober und marschieren landeinwärts! In Lisieux leuchtet die neue Basilika weiß in das Land hinein. Vor Lisieux weckt die in der Nähe liegende Schokoladenfabrik "süße" Erinnerungen. Der Marsch an dieser Fabrik vorbei ist uns wie ein Abschiednehmen von den "fetten" Tagen. Ob jetzt die die mageren Tage beginnen? Kurz vor Orbec, in dem Vorort Orbiquet suchen wir für heute unsere Schlafstätten: In einer Cidrefabrik, auf einem zugigen Heuboden, in einem leeren Haus und in den nüchternen Zimmern einer Käsefabrik. Die Zimmer waren lange nicht bewohnt. Möbelstücke befinden sich nicht darin, auch keine Öfen. Eng aneinander rücken, Kameraden, denn die Nacht wird kühl !
28/29.10.1940 37 Kilometer ist der Marschweg bis Rugles, einem kleinen Städtchen, wo man die Hundertfranc Scheine leicht gewechselt bekommt. Die Schulkinder von Rugles freuen sich, weil deutsche Soldaten gekommen sind und ihre Schule belegt haben. Ja, sogar an zwei Tagen fällt die Schule aus, denn wir erhalten zu unserer freudigen Überraschungnoch einen Ruhetag, der willkommen ist zur Pflege der Füße, zum Waffenreinigen und nicht zuletzt zu einem kleinen Abendspaziergang mit einem Imbiss im "Stern". Wer weiß, wie lange man noch markenfrei Leben kann?
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30.10.1940 Mit frischer Kraft und lustigen marschliedern ziehen wir dann weiter über alte, wohlbekannte Strassen, kommen durch Verneuil, wo wir vor einigen Monaten schon sorgenfreie, durch Sekt und Kognak verschönte Tage verbracht hatten. Das Gefühl, durch eine Gegend zu marschieren, wo wir schon einmal zu Hause waren, hebt die Stimmung. Diese steigt noch mehr, als wir nach COURTEILLES in einem Chateau und in unbewohnten Häusern prächtige Unterkunft finden. Wer erinnert sich nicht an das Kaufhaus Levy, wo wir am gemütlichen Kamin Hühner an Spieß gebraten und Champignons geschmort haben. wo wir in den Sesseln versanken, genießerisch an einer Zigarette sogen und in himmlisch weichen Betten träumend einschlummerten? Hier also hat Herr Levy gewohnt; heute ist er vielleicht schon unterwegs, zunächst nach Südfrankreich, dann nach England, nach Lissabon dann und schließlich nach Amerika...
31.10.1940 Ein gütiges Geschick sorgt dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachesen. So haben wir dann auch am nächsten Tag nach einem Marsch von 30 Kilometern Gelegenheit, in ECUBLE am Dorfteich uns über die Quartiere zu wundern. In der Schule, die zum Verdruss des französischen Lehrers und zur Freude der Schulkinder für einen Tag geräumt werden muß, brennt wenigstens ein Ofen glutrot, und mit der Zeit fühlt Dörfchen, dessen Leben am Dorfteich be-
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ginnt, hat überhaupt noch nicht viel vom Krieg erlebt und sieht nun zum ersten Mal deutsche Soldaten in seinen Mauern. Wo wir in Privatquartieren liegen, haben wir Mühe, die hohen Betten zu erklimmen, die mit gestickten Decken verriegelt sind. Die Decken sind uns natürlich lästig, und wir legen sie hübsch ordentlich beiseite. Na, Hauptsache ist, wir frieren nicht. Das dachten wohl auch die Mannen vom Geschäftszimmer. die erst die Türen verschlossen und dann einschlafend in noch das glimmende Kaminfeuer schauten. "Leg noch in paar Holzscheite auf". Ja, und dann war es auf einmal so weit! Die Türen standen schon in Flammen, und Wassereimer mußten herbeigeschleppt werden, um das Feuer zu löschen. Gut, wenn man sich darin übt. Beim Großfeuer versteht man dann sein Handwerk.
1.11.1940 An das Marschieren haben wir uns gewöhnt. Wir ziehen an diesem ersten Novembermorgen durch die fruchtbare Beauce mit Chartres als Mittelpunkt. Hier ist Frankreichs Getreidekammer. Auf den Feldern wird schon Wein angebaut. Während der brühmte gotische Dom von Chartres weithin unseren Blick fesselt, marschieren wir durch die flache Landschaft nach dem kleinen Örtchen Beauvillieres, 3 km von der Hauptstrasse ab. Fast alle Mannschaften schlafen in Privatquartieren mit Familienanschluss, denn die Bewohner des Örtchens sind freundlich. Lediglich zwischen der Mairie und der Feldgendarmerie gibt es Differenzen. weil der Bür-
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germeister es für überflüssig hielt, alle Verordnungen der Wehrmacht an den schönen Häuserwänden anzuschlagen. Furchtbar treffen ihn jetzt die Anklagen , die alle enden "Purquoi pas?"
2./3./4./5.11.1940 Wie lange marschieren wir denn noch ? Bald muss das Ziel erreicht sein. Wir sind in der Gegend der typischen Franzosen, des kleinen Franken mit dem braunen Haar und den braunen Augen. In Janville huschen wir noch schnell in den Konfektionsladen, kaufen noch schnell einen Pullover denn es wird schon ganz schön kalt. Und aus Fett können wir auch nicht mehr viel Wärmekalorien herausholen, denn die Lebensmittelkarte ist unumgänglich geworden. Wir lernen ein neues französisches Wort : „Ticket“!“
An riesigen Zuckerrübenfeldern vorbei marschieren wir nach Oison, einem kleinen Nest, wo wir eng zusammenrücken, aber dennoch leidlich gut unterkommen. Die Marie wird zur Schreibstube, das Schloss zum Offiziersquartier, die Ferme des Bürgermeisters beherbergt eine Gruppe in Betten. Mit gutem Willen auf allen Seiten richten wir uns so ein, dass wir gut schlafen, essen, trinken und rauchen können und nicht frieren und somit haben wir alles, was wir im Idealzustand benötigen.
In Oison gibt es eine Kneipe, ein echt französisches Gebilde, in dem am ersten Tag noch Bier zu haben ist. Da wir aber noch bis zum 5.11. drei Ruhetage haben, kann man sich leicht denken, wie
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ausverkauft das Nest war, als wir wieder Abschied nahmen.
Oison liegt nur 41 km von unserem Endziel ab, wohin nun ein Kommando nach dem anderen vorausgeschickt wird. Da sehr häufig noch der von Polen her bekannte Befehl ertönt: “Zimmerleute rechts raus!“ vermutet die Kompanie, dass unsere Endquartiere nicht so sind, wie sie sein sollen. Einer sagt :“ Na, der Stab liegt natürlich nicht da!“ Immerhin, da unser alter „Ford“ im Pendelverkehr die Kommandos vorschafft – Benzin war noch vorhanden - ,nimmt die Soldateneinwohnerzahl von Oison immer mehr ab.
6.11.1940 So können die restlichen 41 km bis zu unserem endgültigen Quartier in Chateauneuf fast von allen in unserem „Ford“ zurückgelegt werden. Denn während die einen noch in Oison ruhten, bauten die anderen in Chateauneuf schon mächtig die Quartiere aus, die erst zerstört und unheimlich aussahen. Als aber die Kompanie nachrückte und sich wieder zur „Ruhe“ setzte, konnte man merken, was Pioniere aus unwohnlichen, leeren Gebäuden machen können. Wir wohnen nun prächtig und herrlich in Villen mit Wannenbädern, Rundfunk und elektrischem Licht, ja meist sogar mit Dampfheizung. So muß ein Winterquartier aussehen! Wer möchte noch mal Zivilist sein?
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Chateauneuf an der Loire
Vom 6.11. bis 7.12.1940
Von Gefr. D.
Ein kleines Städtchen in Mittelfrankreich, etwas verschlafen wie die meisten Provinzstädte, ist Châteauneuf . das Leben geht hier geruhsam dahin, es gibt keine nennenswerten Aufregungen im Ort, höchstens, wenn deutsche Soldaten einmarschieren und hier ihre Winterquartiere beziehen, oder wenn italienische Flieger den Ort bombardieren. Als wir in Chateauneuf einrücken, fielen uns als erstes die beträchtlichen Zerstörungen auf. Das Gebiet um die Kirche und diese selbst waren nur noch ein Trümmerhaufen, schon etwas geordnet allerdings, aber man konnte doch die gründliche Wirkung der italienischen Bomben erkennen. Kaum ein Stein war mehr auf dem anderen, von dem meisten Häusern standen nur noch die Reste der Grundmauern. In der Kirche hätten schwarze Truppen gelegen, erzählt mir eine Frau. Deshalb wurde auch dieses Gebäude nicht verschont. Trotz allem ist es verständlich, wenn die Einwohner auf unsere italienischen Bundesgenossen nicht gerade gut zu sprechen sind.
Hier lebt wieder ein ganz anderer Menschenschlag als in der Normandie, wo wir eben herkommen. Dort traf man Menschen nordischen Blutes, groß, blond und mit hellen Augen. Hier dagegen sehen wir den typischen Franzosen : Mittelgroß, mit lebhaften Bewegungen, braunem Haar und ebenfalls braunen
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Augen. Er ist höflich, beweglich, korrekt und von französischer Liebenswürdigkeit, deren Echtheit und Aufrichtigkeit man so schwer durchschauen kann.
Der Ort liegt an der Loire, die stellenweise bis 150 Meter breit ist. Vom anderen Loireufer bekommen wir nicht viel zu sehen. Sämtliche Brücken sind zerstört, und der Wiederaufbau der großen Brücke durch eine französische Firma ist noch lange nicht beendet.
Orleans ist nur 25 km entfernt. Einmal interessiert uns Orleans an sich – es gibt ja keinen, der nichts über Johanna, die Jungfrau von Orleans wüsste, jenes Mädchen, das den Kampf gegen die Engländer führte und von Schiller und dem irischen Dichter Shaw in Dramen verherrlicht wurde. Zum anderen aber ist auch Orleans eine Stadt, in der entschieden mehr los ist, als in Chateauneuf, das nicht einmal ein Kino aufzuweisen hat und nur ein einziges großes Hotel. So fährt die Kompanie öfter auf Lastwagen nach Orleans, einen Film oder eine KdF-Vorstellung zu besuchen.
Unsere Quartiere sind prächtig. Die schönsten und besten Quartiere, die wir seit Beginn des Westfeldzuges überhaupt jemals hatten. Die einzelnen Züge und Gruppen liegen in Villen, die Männer schlafen in Betten (und was für Betten), Öfen sind überall gesetzt, es ist gemütlich warm, der Dienst macht Spaß – was will man mehr?
Bordeaux
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Nach vielen Märschen kreuz und quer durch Frankreich, nach unserem technischen Einsatz in Cormelles, Verneuil und Pennedepie, findet sich hier in Chateauneuf zum ersten Male wieder Gelegenheit zum Exerzieren. Unser alter Glanz wird wieder aufpoliert. Der Sommer ist vorbei, der Winter dient der Vorbereitung, im Frühling geht's wieder los. Jedenfalls sind wir mit dem äußeren Rahmen unseres Winterlagers sehr zufrieden.
Eines Sonntags werden wir zeitig gewecket. Was ist los ? Die ganze Kompanie wird in LKW's verladen und fährt nach Mennetou an der Demarkationslinie. Hier ist eine Brücke über den Fluss Le Cher abzubrechen, die durch Hochwasser des Flusses stark gefährdet ist. Die ganze Zeit schuften wir gewaltig. Schaffen wir's an einem Tag ? Es wird noch die in Mennetou liegende Infanterie herangezogen. Spät am Abend - esist schon fast dunkel - schleppen wir die letzten Bohlen und Schienen. Wir sind alle recht abgerackert, aber als uns einige Kameraden von der Infanterie sagen, jetzt hätten sie wieder einmal gesehen, was Pioniere leisten können, sind wir doch ein bischen stolz. Als Anerkennung für unsere Schufterei spendiert Hauptmann Weber einen leckeren Grog.
So vergehen die Tage. Es ist schon Dezember geworden, doch die Witterung ist noch ziemlich an-
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genehm. wir hätten es noch ein Weilchen ausgehalten. Allein, höheren Ortes ward anders beschlossen. Haben wir nicht schon einmal gemeckert als es ostwärts ging? Jetzt geht's wieder nach Westen. Na also! Und mit der Eisenbahn sogar ! Man merkt doch, dass in Frankreich alles wieder in Ordnung kommt. Wohin nur ? Über Tours und Poitiers. Hier schlug 932 Karl Martell die Araber nach Spanien zurück. Das soll uns ein gutes Wahrzeichen sein. Civray heißt unsere neue Heimat. Ein kleines Nest nur, aber wir werden ja sehen !
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WINTERBALLADE
Civray 1940
Als Vater Körner lobesam
Von Norden hergezogen kam,
Sucht' er in Frankreich kreuz und quer
Ein Winterobdach für sein Heer.
Er kam nach Süden zur Charente,
Wo Wein sich um die Häuser rankte.
Doch alles war belegt mit Leuten,
Kein Bette ließ sich mehr erbeuten.
Darüber herrschte Ach und Weh;
Viel Regen gab's und wenig Schnee,
Bis schließlich fanden sich Baracken,
Die erste Pi. hineinzupacken.
Das war nun freilich kein Chateau!
Wir lagen schlecht und recht auf Stroh
In Holzbettstellen zu zwei Schichten
Und mußten erst die Wände dichten.
Dann kam das Weihnachtsfest ins Land,
Ein Christbaum hat für uns gebrannt.,
und durch die Ritzen der Baracken
Zog süßer Duft vom Stollenbacken.
Wir saßen brav in Reih und Glied ,
Fritz Donner sang ein Wolgalied.
Und Bordeaux-Punsch macht' unsere Herzen
So warm und weich wie Weihnachtskerzen
Gar mancher dacht, wie vor'ges Jahr
Es noch so kalt in Polen war
Und prophezeit beim Bummbaßschall
Das nächste Fest in Portugal!
Als spät das Horn zur Ruhe rief,
Las ich noch einmal deinen Brief
Und fand : Das Liebste, Allerbeste
War doch dein Brief zum Weihnachtsfeste.
von Hauptmann A.
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Civray
vom 8.12.1940 bis 26.03.1941
Von Hauptmann A.
An der Strasse zwischen Poitiers und Ruffec, 350 km südwestlich von Paris und 60 km vom Batl.-Stabsquartier Poitiers entfernt, liegt das Städtchen Civray. Ein kleines Nest, durch das sich die Charante schlängelt. Eine wundervolle romanische Kirche am Marktplatz (12. Jahrh.) zeugt von vergangener Größe.
Vorfrühling und viel Regen, ab und zu auch nasser Schnee. Die Barackenwände sind dünn und die Kohlen sind knapp. Ein kleines Kino und drei bis vier Kneipen, die abwechselnd von den Pionieren und der leider ebenfalls vorhandenen Feldgendarmerie beherrscht werden. Die ganze Zeit stand im Zeichen der Besichtigung und des neuen Kompaniechefs. Dienst von früh bis abends, sogar sonntags und auch, wenn's regnete. Hier haben wir den Präsentiergriff gelernt, die neue geöffnete Ordnung und den Pontonierschritt. Und Namenschilder kamen an die Betten, und der Zapfenstreich wurde eingeführt. Eine Flasche süßer Bordeaux Blanc kostet 1,20 Fr., und gegen Ende unserer Zeit begannen die Hühner heftig zu legen.
Dieses Theaterstück spielten wir zu unserem Abschiedsabend, zu dem auch Oberstleutnant Pötschke erschien: [es folgt ein Theaterstück]
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ANGERS
vom 27.03. bis 8.6.1941
Von Hauptmann A.
Im Theater wird immer übertrieben. Auch in unserem Soldatentheater in Civray natürlich. In Wirklichkeit entsprach die große Frühjahrsschlacht im Tale der Charente ganz der aufgewendeten Mühe und Arbeit. Zweimal wurden wir besichtigt: einmal im Exerzieren, Gefechtsdienst und Pontonieren und dann gleich noch einmal im Gefechtsdienst. Der wegen seiner Kritiken gefürchtete Stapi, Oberst Schaum, war zufrieden.
Unser Oberstleutnant strahlte, Ausgerechnet unser sächsisches Bataillon wurde auf Grund der gezeigten Leistungen unter vielen preußischen Bataillonen für die Armeepionierschule Angers ausgesucht.
Mit stolzgeschwellter Brust zogen wir am 26.03. zum Verladebahnhof Ruffec. Ade, liebliches Tal der Charente!
Ade, stolze 223. I.D.! Jetzt werden wir Armeepioniere und stoßen 170 km nach Norden vor! Über Poitiers-Saumur nach Angers. Nach Angers, der Blumenstadt, wie sie in Frankreich heißt. Wir wurden kaserniert, mit allen Vorteilen und Nachteilen. Die Vorteile sind größer, wie sich bald zeigt, denn Angers mit seinen 80.000 Einwohnern ist ein Klein-Paris. Auch hier gibt es Boulevards und Revuen und Cafes, nur nicht so lichterfüllt, etwas dunkler schon. Anstelle der Seine fließt hier die Maine, sonst ist 's dasselbe.
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Der Zapfenstreich und der Posten am Kasernentor erweisen sich für manchen braven Pionier als sehr störende Einrichtung, denn die Kastanien haben wieder ihre Kerzen aufgesteckt, und der Flieder duftet durch laue Nächte.
Der Dienst ist streng. Bei Sonnenschein und Regen, zieht die 1. Kompanie tagein, tagaus hinüber auf das Gefechtsfeld und übt Krieg. Da fliegen die Handgranaten, krachen die gestreckten Ladungen, spritzen die Nebelbomben! Und zum Schluß stoßen die Flammenwerfer ihren Feuerstrahl gegen das Widerstandsnest. es klappt wie am Schnürchen, und die Zugführer-Aspiranten sperren Maul und Nase auf. Ja, meine Herren, was ihr hier seht, das sind die Löwen Lüttich.
Schön war's doch! Auch wenn wir dann in Reih und Glied in den blaukarierten Betten lagen, über denen der Kompaniechef so viele liebe Mädchenbilder aufgehängt hatte. Oder war das vielleicht nichts, das Stündchen in der Bataillonskantine, wo man ein zünftiges Pionier Rumsteak für 90 Pfennige erstehen konnte? Oder wenn unter der wehenden Kriegsflagge die Bataillonkapelle auf dem Kasernenhof einen zackigen Marsch hinlegte, oder wenn unsere Fussballspieler die Rüstungsindustrie in Grund und Boden spielten? Und der 3. Zug kam aus der Heimat zurück.
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Eins ist vielen gar nicht richtig eingegangen: Angers war für uns ein Wendepunkt:
Krieg oder Frieden!
Blieben wir hier, dann hieß das Frieden. Wir blieben nicht! Unsere Division rief uns. Eines Tages, am 8.6. packten wir wieder mal die Tornister. Und standen auf der breiten Verladerampe zur Fahrt nach Süden bereit zu neuem Einsatz.
Es wäre auch schade um uns gewesen : Hier in der Etappe!
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MESTRAS
vom 9.6. bis 29.10.1941
von Hauptmann A.
Der Transportzug dampfte nach Süden. Über Tours und Poitiers, dann durch das uns schon bekannte Tal der Charente, über Angouleme und Bordeaux. Die Räder rollten im gleichen Takt einen sonnigen Tag lang und eine laue Nacht. Als wir am Morgen aus Zug kletterten, waren wir schon südlich der Giro.
Unser neuer Quartierort M e s t r a s war ein Fischerdörfchen an der Bucht von Arcachon. Südlich heiß schien hier die Sonne. Auf endlos weiten Feldern wuchs der köstliche Wein. Wehte der Wind vom Meere her, dann roch es nach Salz und Fischen und Hafen, und wehte er vom Lande, dann duftete es nach dem Harze der Kiefernwälder. Die Einwohner lebten vom Austernfang. Dann gab's noch Weingärtner und kleine Waldbauern. Wir freuten uns an den sauberen Häuschen mit den flachen Pfannendächern und der Weinranke über der Haustür; an den bunten Fischerkähnen, die gerade vor unserem Quartier in der Sonne schaukelten, und an den leuchtend roten Hosen der Austernfischer.
Schön war's schon hier in Mestras! Eine ganz neue, bunte Welt unter südlicher Sonne. Nur unser Quartier, eine leerstehende Konservenfabrik, war sehr trübe. Jeder erinnert sich an das schwarz-weiß-rote Schilderhaus am Tore, an die großen, viel zu
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dunklen Säle der Züge mit den Etagenbetten, an die Ratten, die nachts im Papier raschelten, an die Fliegen und an die Läuse. Auch die Arrestzelle wird manchem eine liebe Erinnerung geblieben sein. Anfangs dachten wir: „Na, für die paar Tage wird's schon gehen. Hier ist ja nur ein Sprungbrett weiter nach ' Süden." Aber die Wochen schlichen dahin.
Eines Tages war's-dann doch so weit: Lastwagen und Omnibusse fuhren vor, Hurrah! Die 1. Kompanie wird motorisiert. Bei Facht und Nebel fuhren wir los, über Bordeaux, immer die Gironde abwärts. Als Übung zunächst. Aber wohin wird's gehen, morgen oder übermorgen? Nach Gibraltar oder nach Portugal? Gegen den Tommy oder gegen die Amerikaner? Nur Sturmgepäck nahmen wir mit. Loch es ging gar nicht, es war nur Probekrieg.
Dafür wurden wir nach dem Plugplatz Casaux verlegt für 14 Tage zum Bau von Flugzeugschneisen in einem halbverbrannten Walde. Das Essen war knapp dort.
Auch sonst wurde uns nichts geschenkt in Mestras. Gegen das Widerstandsnest am Wege von Camps rannten wir wohl dreißig mal mit Flammenwerfern an, bis es jeder im Traum konnte. In Lamothe übten wir uns im Brückensprengen und Pontonieren, Minen wurden verwiegt und Straßen gesperrt. Trotz der Mückenplage! Wir kamen ganz groß auf Draht. Selbst unser neuer General Lüders lobte seine Pioniere.
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Das tapfere Schneiderlein
Ein Märchen aus Civray erzählt von Uffz. H.R.
Es war einmal ein Schneider, der unterschied sich in nichts von dem Schneider in Grimms Märchen. Auch er saß tagaus, tagein auf seinem Schneidertisch und führte mit emsigem Eifer die Nadel durch zerrissene Pionierhosen.
Eines Tages geschah es, daß eine schöne Wirtstochter namens Jacqueline in heftiger Liebe zu unserem Schneider entbrannte. Und trotzdem er nichts von ihr wissen wollte, ließ sie doch nimmer davon ab, den Schneider mit ihren losen Künsten zu umgarnen.
Solche Kunde vernahmen auch die beiden bösen Ritter Rudi und Paul, die sich vergeblich um die Gunst der liebreizenden Jacqueline mühten. Da sannen sie in ihren schwarzen Herzen auf Rache. Tag und cht grübelten sie, wie sie wohl das arglose, wacke re Schneiderlein in ihre Gewalt bekämen, und endlict hatten sie ihren Plan gefaßt.
Mit trügerischer Freundlichkeit näherten sie sich dem Schneider und. luden ihn zu einem kräftigen Umtrunk ein, wohl wissend, daß er nur gar wenig vertrug. Zu dritt gingen sie zu der schönen Jacqueline, die ihnen köstlichen, goldgelben Calvados kredenzte, nicht ohne verführerische Blicke auf
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den standhaften Schneider zu werfen und alles zu versuchen, ihn zu becircen. Das Schneiderlein jedoch, des leckeren Getränkes ungewohnt, geriet als bald in einen Rausch.
Schließlich fand sich der Schneider in seinem Bett, allwo er ahnungslos und selig einschlief, während draußen vor der Tür Rudi und Paul mit ihren „Spieß"gesellen lauerten, ihren tückischen Plan zu verwirklichen. Und als sie endlich die friedlichen Schnarchtöne des Schneiderleins vernahmen - huschhusch! da schlichen ihre Reisigen auf leisen Sohlen in des Schneiders Schlafgemach und bauten ein Gitter um die Lagerstatt, seine Kräf te zu bändigen.
Aber das Schneiderlein lag und träumte selig vom bevorstehenden Urlaub, da es seine ferne Frau liebevoll in die Arme schließen könnte. Er saß daheim auf dem Schneidertisch, und sie stand vor ihm und lauschte atemlos der Worte, so munter und hurtig seinen Lippen entströmten und von gar gewaltig-lichen Heldentaten in Belgien kündeten. Gerade war er an einer besonders aufregenden Stelle, da...
„Sieben auf einen Streich!" brüllte er plötzlich in die Stille der Nacht.
Den Rittern Rudi und Paul, die draußen gelauscht hatten, fuhr das bleiche Entsetzen ins Gebein, als sie vernahmen, mit welchem Helden sie angebandelt hatten. Behutsam und leise, auf Zehen-
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spitzen, um den Furchtbaren nicht zu wecken, schlichen sie mit ihren Häschern von dannen. Sie begaben sich alsbald in die nächste Schänke und kippten rasch einige Calvados hinter die Feldbinde, ihren Schreck zu betäuben.
Das Schneiderlein indessen erwachte am nächsten Morgen, etwas erstaunt zwar über das Gatter und den dumpfen Druck im Kopfe, aber doch durchaus heiter und zufrieden. Und wenn es nicht an Calvadosvergiftung gestorben ist, dann lebt es noch heute.
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So ging das Monat um Monat. Oh, es gab auch schöne Tage ohne Dienst, Nachmittags bei strahlendem Sonnenschein in Arcachon, wo schöne Mädchen vorbeiwandelten und man träumen konnte. Die hohen Wellen am Kap und die mächtige Düne von Pyla! Auch das Einkaufen auf die neuen 70-Punkt-Bezugsscheine in Bordeaux war eine schöne Einrichtung. Tomaten gab's und Pfirsiche und Weintrauben. Und in der Kantine kalte Ente. Und Urlaub! Zwei volle Tage dauerte die Reise von hier unten bis in die Heimat.
Der Sommer ging darüber hin. Über die abgeernteten Weinfelder wehte ein kühler Ostwind und holte schon einzelne Blätter von den alten Platanenbäumen. Wir hatten Winterquartiere bezogen. In den französischen Kaminen prasselten schon die Scheite.
Da hieß es plötzlich: Marschbereit! Wohin? Nach Rußland! Ja, das hatten wir uns so gedacht: Ohne die 1. Kompanie kann doch Moskau nicht fallen oder Petersburg! Und eine alte Soldatenregel bestätigt sich auch wieder: Wenn alles fertig eingerichtet ist, geht's fort. Auch dieses Kriegstagebuch wurde gerade fertig.
Ade, du schönes sonniges Frankreich!
ENDE











