Fidi Diepholz

Fidi Diepholz war ein stadtbekanntes Original. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Strassenfegen und fragte Passanten nach Zigarrenstumpen.
Und dann hat der Arme auch noch sein mühsam zusammengefegtes Geld verloren.
Ob er es wiederbekommen hat ist nicht belegt. Siehe unten folgende Galerie


Fidi Diepholz wurde am 17.07.1847 in Aschen geboren und am
19.07.1847 in Jacobidrebber getauft.
gestorben ist er am 19.07.1920 in Diepholz im "Siechenhaus"

Sein korrekter Name lautet : Friedrich Heinrich Tolle

Seine Vater Johann Friedrich Tolle arbeitete als Gipsarbeiter (Stukkateur) in Holland und starb im Alter von 32 1/2 Jahren.
Seine Mutter Johanne Marie Christine Wiegmann stammt aus Ossenbeck (Wiegmanns Weg)

„Erst moss du danzen!“
Erinnerungen von Willy Hagen

Wilhelm (Willy) Hagen (1904-1994) kam im Alter von zwei Jahren von Bremen nach Diepholz. Sein Vatter Dedde (1870-1947) und seine Mutter Marie (1873-1949) hatten hier 1906 die Kaiserhalle erworben, die sie bis 1919 bewirtschafteten. Von 1919 bis 1922 besuchte Willy Hagen die Präparandenanstalt in Diepholz, bevor er sich u. a. in Kassel zum Kunst- und Werklehrer ausbilden ließ. Er unterrichtete an verschiedenen Schulen, von 1928 bis 1931 auch an der Graf Friedrich-Schule. Zeit seines Lebens war er begeisterter Maler und bewies sein Können vor allem an für unseren Landstrich typischen Motiven. Er bannte nahezu alle damaligen Bauernhäuser auf Leinwand und schenkte 1986 der Stadt Diepholz 62 der in diesem Zuge entstandenen Ölbilder. Damit löste er ein Versprechen ein, das er einst Bürgermeister Gustav Brüning gegeben hatte. Der damalige Stadtarchivar Herbert Major holte diese Gemälde aus Mönchengladbach, wo Willy Hagen seit seiner Pensionierung 1969 lebte. Herr Major war es auch, der den Herausgebern die folgende Erzählung aus Willy Hagens Buch „Ich erinnere mich. Erinnerungen eines Diepholzer Jungen“ von 1988 zur Verfügung stellte: Willy Hagen über „Tollen Fidi“, die alte Trina und das Ende vom Lied.

Ich möchte von „Tollen Fidi“ berichten. Von einem wirklichen Original der Stadt.
Wenn die Stadt erwachte, war Fidi schon auf den Beinen. Der Schläfer hörte ein Kratzen auf der Straße und wusste: „Das ist Fidi, der kehrende Fidi!“ - das Original. Die Natur hatte ihn verschwenderisch ausgestattet. Alles, was andere nicht ihr Eigen nennen mochten, hatte Fidi bekommen. Gedrungen an Gestalt mit X-Beinen, die zu kurz geraten immer in zu langen Hosen steckten. Einen kleinen Buckel, die Ohren gewaltig groß, der Mund zu breit und die Augen zu klein, die Finger zu kurz und zu dick. Hinzu kam, dass die Nase dick und rot war und vor der Stirn ein Grützbeutel thronte. Der war so dick, dass seine Mütze immer schief auf dem Kopf saß, denn der Schirm war im Wege. Seine Werkzeuge bestanden ausschließlich aus Eimer und Besen - und die hatte er immer bei sich. Ob er am Rathaus stand oder an Harms’ Ecke, immer umschloss seine Hand sein Zepter, den Besenstiel. Er war zwar verträglicher als man annahm, schimpfte aber oft fürchterlich, wenn er gehänselt wurde, und wurde wild, wenn man ihn wirklich ärgerte. Die Jungen bekämpften ihn wie die Krähen die Eule. Wenn sie ihn reizten, reagierte er prompt. Oft schwang er seinen Besen gegen die wüste Horde und schlug alle in die Flucht. Dann genoss er seinen Sieg mit Behagen - man sah es. Sagte ihm jemand: „Fidi, willst ‘ne Zigarre?“, dann sagte er nie nein. „Jau“, war seine Antwort. „Dann musst du aber erst einen Wettlauf machen.“ Das war ihm recht, wenn er nur die Zigarre bekam. Und Fidis Sport begann: Fidi lief! In seiner Linken hielt er den Besen, den er hinter sich herschleifte, und mit der Rechten musste er sich die mehr und mehr rutschende Hose halten. Es war ein tolles Bild., an dem vor allem viele Erwachsene ihre Freude hatten. Fidi gewann immer seine Zigarre. Später stand er dann wieder an Harms’ Ecke und rauchte schmatzend und spuckend.
Wenn in der „Halle“ ein Ball gewesen war, dann erschien er prompt am anderen Morgen vor dem Gaststubenfenster und bat um „Stummels“. „Häste Stummels?“, fragte er dann. „Erst moss du danzen!“ Sogleich ging’s los! Fidi führte seinen Besentanz auf und sang schauerlich in quietschenden und grunzenden Tönen. Weil ich seine Leidenschaft kannte, sammelte ich in einer Zigarrenkiste alle Rauch-Enden und gab sie ihm von Zeit zu Zeit. Mich kannte er deshalb genau, und wenn er mich im Städtchen erblickte, rief er mich beim Namen und fragte: „Häste wedder Stummels?“
Auch die Liebe schien an Fidi nicht spurlos vorübergegangen zu sein, denn wir sahen ihn oft zur alten Trina schleichen. Sie bewohnte eine kleine Fachwerkhütte am Kohlhöfen und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Sie hatte eine Ziege, die sicherlich für alles sorgte - Milch, Butter, Käse! Hier hatte Fidi sein Herz verloren. Wir Jungen hatten Fidis Besuche längst spitz und passten immer auf - erwischten ihn aber nur einmal, nämlich gerade da, als er mit fürchterlichem Geschimpfe und Gekeife aus der Hütte gelaufen kam. Ob er diesmal seine Werbung nicht richtig angebracht hatte oder ob er zu stürmisch gewesen war - wer wird es je ergründen? Trina jedenfalls rief ihm Etliches nach, das wir - Gott sei Dank - nicht verstehen konnten, und schwang eine Gerte in der Luft. Das war ihr Zepter! Dann hörten wir die Ziegen meckern, und Trina führte sie hinaus und band sie dort an, als ob nichts geschehen wäre! Es muss aber etwas geschehen sein, denn seitdem ging Fidi in sich, er wurde melancholisch, und man sah ihn seltener. „Fidi suppt!“, hieß es. Aus Gram oder weil sich kränklich und älter fühlte? Tatsächlich trank er häufig über den Durst - böse Zungen behaupteten: „Sogar Brennspiritus.“ Dann nahm man ihn Gewahrsam von Seiten der Stadt und brachte ihn in das Siechenheim. Er wehrte sich mit Händen und Füßen, besonders als man ihn nach der Einlieferung waschen und gar Baden wollte. Er beschwor immer wieder die Wärter, ihn nicht ins Wasser zu stecken, da er ertrinken müsse. Trotzdem wurde er gebadet.
Bald aber hörte man: „Fidi ist tot!“ Das Stadtoriginal, der „tolle Fidi“, war tot.

„Tollen Fidi“: Friedrich Tolle, genannt „Tollen Fidi“ war das Diepholzer Original der Kaiserzeit. Geistig behindert, schlug er sich mühselig durchs Leben. Er nahm allerlei Gelegenheitsarbeit an, so ließ ihn zum Beispiel Druckereibesitzer Schröder die Schnellpresse des Wochenblatts bedienen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in der Siechenanstalt des Krankenhauses am Willenberg. Friedrich Tolle starb 1920 im Alter von 71 Jahren.

Harms’ Ecke: „Harms’ Ecke“ wurde nach einem Anlieger das heutige Bremer Eck genannt. Es war in Richtung Steinfeld noch geschlossen, da der Verkehr der Bundesstraßen seinerzeit über die Lange Straße geleitet wurde. Das Bild der „Ecke“ prägten unter anderem das alte Wegehaus (seit 1915 Buchhandlung Schöttler, 1931 neu gebaut), das Geburtshaus Georg Mollers (heute Neubau „Georg Moller-Haus“), der Bauernhof Adelhorn (heute zweispurige Fahrstraße), die Fachwerkhäuser von Albers/Stolle und Antrecht (abgerissen, heute Sanitätshaus Brandscheidt) sowie das Hotel Stadt Bremen (heute Kneipe „Styzz“). In der Peripherie stand die Villa Schwarze, über die im weiteren noch zu lesen sein wird.


[Quelle: Diepholz erzählt von Dirk Gerrit Gieselmann und Agnes Sarah Kühn, erschienen im Schröderschen Buchverlag, ISBN 3-89728-063-9 ]

Fidi Diepholz

Fidi Diepholz

Fidi Diepholz oder Tollen Fiddi, Ansichtskarte von 1916, Fidi Diepholz war ein stadtbekanntes Original. (Quelle UW Schwittay)

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