Auf dem Esch

Auf dem Esch

Auf dem Esch, eine wichtige Strasse in Diepholz. Hier stand die Villa Schwarze, Wohnsitz des Kaufmanns und Händlers Alfred Schwarze, hier stand die Kaiserhalle hier ist -noch- der Marktplatz für die Diepholzer Jahrmärkte. Viel hat sich hier verändert. Die nachfolgenden Bilder geben einen Eindruck aus vergangener Zeit.

Ein Problem stellt die Windmühle dar, die angeblich auf dem Esch gestanden gaben soll. Auf dem Marktplatz hat eine Bockwindmühle gestanden, die abgebaut und verkauft wurde.
Die Schwarzsche Mühle, einige Meter weiter die Strasse hinunter in Richtung Heede ist schon in den 1880 Jahren abgebrannt, das Foto aber wahrscheinlich aus den 1920 Jahren.

Sachdienliche Hinweise zur Ergreifung der Windmühle sind also gesucht....


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„Das Rauschen des Windes in den mächtigen Blutbuchen“
Erinnerungen von Jens Nordmeyer

Jens Nordmeyer (*1937) kam im Winter 1940/41 nach Diepholz in das Haus seiner Großeltern, die Villa Schwarze, und lebte dort bis 1947. Nach dem Schulabschluss in Bielefeld war er als Textilkaufmann, später als EDV-Systemanalytiker und Programmierer tätig. Er lebt heute in Bremen, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Für diese Veröffentlichung schrieb er einen Erinnerungsbericht über seine Kindheitsjahre in Diepholz - über einen Flugzeugabsturz am Heldenhain, den gespenstischen Zug der Soldaten und den Offizier „Schleiereule“.

Das Haus meiner Großeltern "Auf dem Esch 1" existiert nicht mehr. Der zweistöckige, im neoklassizistischen Stil der Gründerzeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts von meinem Urgroßvater Carl Schwarze errichtete Bau stand zwischen dem Bremer Eck und dem Marktplatz, wo der Fußweg zum Friedhof verläuft. Durch die großräumige Erweiterung und Umgestaltung des Bremer Eck kann man sich heute die Lage dieser Villa kaum noch vorstellen. Angrenzende Häuser zum Kohlhöfen sind abgerissen, neue wurden im ehemaligen Garten errichtet. Dieser fiel zum größten Teil wie das alte Gebäude der Verbreiterung der Straße und dem Parkplatz zum Opfer. Aber hinter diesem Parkplatz befindet sich in Richtung Marktplatz ein kleines, heute ungepflegtes und völlig verwildertes Gelände mit einem Trampelpfad als Abkürzung zum Friedhofsweg. Eine kleine Wiese voller Unkraut, versiffte und vermüllte Büsche, wo Passanten ihre Notdurft verrichtet haben. Efeu beginnt die dort stehenden Bäume zu ersticken; die Stadt hat das Grundstück vergessen, und es verkommt. Dies ist der letzte noch existierende Teil des einstmals prächtigen und gepflegten Parks, in dem das Haus meiner Kindheit in Diepholz stand.

Mit geöffneten Augen erkenne ich hier nur noch mit Mühe die jetzt unförmig vom Efeu fast vollständig überwucherte schlanke Pyramideneiche, die „Kaisereiche“, die mein Urgroßvater im patriotischen Überschwang des Jahres 1871 zur Erinnerung an die Wahl des ersten Deutschen Kaisers dort anpflanzte. Aber mit geschlossenen Augen sehe ich mich hier als kleinen Jungen zusammen mit meinen Geschwistern unter hohen Rhododendren nach Schneeglöckchen, Märzenbecher und Veilchen suchen. Ich rieche wieder den herben Duft von blühenden Azaleen und hohen Buchsbaumhecken, schmecke die kleinen süßen Walderdbeeren, die sich unter den Büschen fanden, und koste die reifen Kirschen, Birnen oder Äpfel von den Bäumen im hinteren Teil des Gartens zu den Feldern hin, die sich früher dort bis zum Friedhof erstreckten. Ich pflücke Sommerblumen und höre dabei das Rufen der Tauben und Zwitschern der Singvögel, vernehme das Rauschen des Windes in den mächtigen Blutbuchen um das Haus, von denen heute nur noch zwei vorhanden sind.

Auch die alte Villa mit ihren dunklen, hohen Räumen ersteht wieder vor meinen Augen: Flure mit schweren, geschnitzten Schränken, lang wehende Portieren vor Türen und Fenstern, große Gemälde an den Wänden und unter der Decke des Wohnzimmers ein Lüster mit leise klirrenden Kristallscheibchen, wenn auf der Straße ein Fahrzeug vorüberfährt. Dann tauchen auch die Erinnerungen an das Kinderparadies auf dem Dachboden wieder auf, den ich noch heute oft in meinen Träumen aufsuche. Eine Schaukel hängt am Dachbalken. Wenn man mutig hoch genug schaukelt, kann man für einen kurzen Moment aus einer Dachluke heraus die Helmspitzen von Kirche und Schloss erspähen. Dort steht ein Schrank mit alter Kleidung zur Kostümierung und ein anderer ist gefüllt mit altem Spielzeug aus der Jugendzeit meiner Mutter und ihrer Geschwister. Hier kann man in den Dachkammern voll alter Möbel und Gerätschaften herumstöbern und sich einrichten. Dieses war der Ort, wo wir ungestört in einer eigenen Phantasiewelt leben konnten.

Im Winter 1940/41 betrat ich als Vierjähriger zum ersten Mal bewusst dieses große Haus, als meine Mutter mit uns vier Kindern in ihr Elternhaus zurückkehrte, nachdem mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen worden war und die Industriestadt Bielefeld, wo wir damals lebten, ihr zu unsicher erschien. So lebten wir bei den Großeltern in Diepholz zusammen mit weiteren Verwandten bis zum Sommer 1947. Ich erinnere mich gut an meine glückliche Kinderzeit dort, wovon zu erzählen ein kleines Buch füllen würde. Durch das in diesem Jahr besonders aktuelle Gedenken an das Kriegsende vor sechzig Jahren werde ich aber hier nur von den letzten Wochen in diesem Haus berichten.

Die Kellerräume des Hauses waren spätestens 1943 zu Luftschutzräumen für die Nachbarschaft umgebaut worden. Hierzu wurden, wie in einem Bergwerk, die Kellerdecken zusätzlich mit starken Brettern verschalt und durch kräftige Holzbalken abgestützt. An den Wänden standen Bänke, deren Plätze den Familien aus den Nachbarhäusern des Esch und Kohlhöfen zugeteilt waren. Da sich der Keller nicht tief genug unter der Erdoberfläche befand und seine Fenster sogar ebenerdig lagen, wurden vor diese große mit Sand gefüllte Kisten als Splitterschutz aufgestellt, jedoch mit einem gewissen Abstand zur Hauswand, damit man im Notfall die Kellerräume auch durch die Fenster verlassen konnte. Herr Nordhorn, der Hotelier des gegenüber-liegenden Hotels „Stadt Bremen“, war der gestrenge Luftschutzwart, der nicht nur darüber wachte, dass jede Familie in diesen Keller kam, sondern dass die Tür des Heizungskellers, über die man die Luftschutzräume von außen erreichen konnte, auch rechtzeitig beim ersten Sirenenton des Voralarms geöffnet wurde. Zum Ende des Krieges hin wurden der Diepholzer Flugplatz und die Eisenbahnstrecke immer häufiger das Ziel von Angriffen, es fielen Bomben und es gab Zerstörungen, Tote und Verletzte. Immer öfter wurde der Schulunterricht bei Luftalarm abgebrochen. Wir Schüler wurden in den Luftschutzkeller des Postgebäudes oder rechtzeitig noch nach Hause geschickt. Dort wartete man dann auf das Entwarnungssignal der Sirenen. Der Diepholzer Moorboden ließ bei Bombenabwürfen die Häuser erbeben, das Licht flackerte oder fiel ganz aus. Beim Kerzenlicht erzählte unsere Mutter Geschichten, um die eigene innere Anspannung und unsere Angst zu beruhigen. Immer wieder gab es auch Getuschel der Erwachsenen über irgendwelche Vorkommnisse draußen. Wie oft orgelten mit tiefem Brummton die alliierten Bomberverbände in großer Höhe über Diepholz hinweg, hörten wir den helleren Ton deutscher Jagdflieger bei ihren Versuchen, diese Geschwader abzulenken oder zu verscheuchen. Und immer dazu das Bellen der Flakgeschütze vom nahen Fliegerhorst. Wurde ein eigenes oder feindliches Flugzeug getroffen, stürzte es explodierend mit langer Rauchfahne ins Moor. Von unseren Bodenfenstern aus konnte man gut über die niedrigeren Häuser am Kohlhöfen weit in die damals noch völlig unbebauten Moorwiesen blicken. Riesige Rauchfahnen des brennenden Moores standen oft tagelang am Himmel und es roch überall nach Torfrauch. Eines Abends stürzte ein Flugzeug ganz in der Nähe unseres Hauses ab und bohrte sich im Heldenhain mit lautem Krachen in die Erde. Ängstlich sahen wir Kinder den hellen Feuerschein durch die Bäume des Gartens schimmern, hörten wir das Knallen der wie ein Feuerwerk explodierenden Munition. Am nächsten Morgen versuchten wir neugierig einen Blick auf die noch immer rauchende Absturzstelle zu erhaschen. Dieses Ereignis hätte viel schlimmer für uns alle ausgehen können.

Ende März 1945 war einer der Kellerräume schon seit vielen Monaten zum Wohn- und Schlafraum für die ganze Familie geworden. Für meine schwer gehbehinderte Großmutter war es einfach zu beschwerlich, beim Alarm immer wieder im Eiltempo die steile Kellertreppe bewältigen zu müssen. Da häufig in der Nacht Luftalarm gegeben wurde, war es auch meiner Mutter viel zu mühsam, immer wieder vier schlaftrunkene Kinder aus ihren Betten zu holen und vom Obergeschoss in den Keller zu bringen. So wurden dort ein Bett für die Großmutter, Feldbetten und Liegestühle für meine Mutter und meine Tante sowie meine beiden Schwestern aufgestellt, und wir kleinen Jungen wurden Kopf an Fuß zusammen in ein viel zu enges Kinderbett gepfercht. Da saßen, lagen, schliefen wir nun fast jede Nacht und warteten hier auch tagsüber manche Stunde, wenn Alarm gegeben worden war, das Notgepäck und die Gasmasken immer griffbereit dabei. Eines Tages wurde eine Familie, die aus Düren am Niederrhein vor dem dortigen Kriegsgeschehen geflohen war, bei uns im Haus einquartiert und wohnte nun in den Wohnzimmern meiner Großmutter. Mein Bruder und ich begrüßten neue Spielgefährten. Die Erwachsenen waren aber von diesem Zeitpunkt an mit Gedanken an die sich immer mehr nähernde Kriegsfront und organisatorischen Überlegungen für eine bevorstehende Flucht beschäftigt. Fahrräder wurden repariert und mit zusätzlichen Gepäckträgern sowie Kindersitzen versehen. Ein großer Handwagen wurde besorgt und stand durch Schloss und Kette gegen Diebstahl gesichert in der Wagenremise zum schnellen Abmarsch bereit. Koffer und Rucksäcke waren gepackt. Doch dann wurden diese Vorbereitungen wieder abgeblasen, weil die Diepholzer Großmutter wegen ihrer Gehbehinderung nicht hätte mitkommen können. Als auch die fluchterfahrene Familie aus Düren nicht nochmals aufbrechen wollte, beschloss man, einfach zu warten, und traf entsprechende Vorsichtsmaßnahmen. Einige Wertsachen wurden unter dem Torf auf dem Dachboden der Remise versteckt, noch vorhandene Flaschen aus Großvaters Weinkeller ebenfalls. Ein kleiner Ehrendolch, den mein Vater bei seiner Ernennung zum Offizier erhalten und dann achtlos in den Wäscheschrank gelegt hatte, wurde im Komposthaufen des Gartens verbuddelt, damit keine verräterischen Waffen im Hause wären. Wir kleineren Kinder merkten von den Sorgen der Großen nicht viel. Wir freuten uns im Gegenteil über kleine Süßigkeiten, die uns plötzlich zugesteckt wurden und die es lange nicht mehr gegeben hatte: Zuckerstücke und kleine Bonbons oder Schokolade aus einer eisernen Ration. Aber auch für mich als Kind war nicht zu übersehen, dass an der Stelle, wo bisher das allgemein übliche Hitlerbild im Hausflur seinen Platz hatte, jetzt wieder ein schönes Landschaftsbild hing.

Am Frühabend des 5. April marschierte deutsches Militär in einem langen Heerwurm, aus Richtung Bremen über den Esch kommend, durch Diepholz in Richtung Dümmer, eine schier endlose geordnete Schlange von Fahrzeugen und Soldaten. Der Zug geriet beim Marsch durch die Stadt vor unserem Haus immer wieder ins Stocken. Die Männer machten Pause, manche urinierten schnell an der Gartenhecke, andere baten um ein Getränk, und öfters wurde den Frauen des Hauses, die mit heißem Tee von Wagen zu Wagen gingen, kleine Briefe an die Lieben daheim zur Weiterbeförderung zugesteckt. Später erzählte mir meine Mutter, dass wenige Stunden später in der Nacht wieder Soldaten auf ihrem Rückzug durch Diepholz kamen und in Richtung Nienburg hetzten, die Schlange der Fahrzeuge war völlig ungeordnet. Danach sei eine gespenstische Ruhe eingetreten. Die Erwachsenen haben den Rest dieser Nacht dann wohl voller Unruhe verbracht und kaum geschlafen. Ich dagegen wachte frühmorgens am 6. April gut ausgeschlafen auf und musste ganz nötig nach oben auf die Toilette; meine Schwester begleitete mich dorthin. Ich verkürzte mir dabei die Wartezeit, indem ich vorsichtig das Verdunklungsrouleau vor dem Flurfenster des Treppenhauses lüftete, um in die beginnende Morgendämmerung zu schauen. Da sah ich draußen plötzlich wieder Soldaten, die einzeln und in geduckter Haltung vorsichtig mit vorgehaltenen Waffen im "Kohlhöfen" an den Wänden der Häuser entlang schlichen. Beim Nachbarhaus von Malermeister Schröder erschien ein Panzer, der sein Geschütz auf unser Haus richtete. Später hörten wir, dass noch weitere Panzer am Marktplatz unser großes Haus anvisiert hatten, in welchem man wohl irgendwelche Nazibonzen und deren Gegenwehr vermutete. Als ich dann durch den dunklen Flur zurücklaufen wollte, stand da plötzlich ein großer fremder Mann mit geschwärztem Gesicht vor mir. „Ein Schornsteinfeger ist da oben“, meldete ich meiner Mutter aufgeregt unten im Keller. Einige Zeit danach kamen dann diese „Schornsteinfeger“ auch zu uns in den Keller, sahen in alle Räume, stocherten in den Ecken und Winkeln herum und suchten nach versteckten Soldaten oder Waffen. Wir Kinder blieben noch einige Zeit unten. Ich hörte von oben Stimmen in einer mir unverständlichen Sprache und irgendjemand hatte sich an unseren Flügel im Wohnzimmer gesetzt und spielte dort jazzige Tanzmusik. Dann verließen auch wir den Keller und erblickten in der großen Küche des Hauses unsere beiden Großmütter, die sich mit einem der Soldaten, wohl einem Offizier, in englischer Sprache unterhielten. Dieser, den meine Schwestern sogleich heimlich und respektlos „die Schleiereule“ tauften, weil er mit einem am Helm herabhängendem Tarnnetz im Haus herumging, hatte interessiert und kenntnisreich ein Gespräch über Malerei und Musik angefangen. Später am Tag ärgerte sich jedoch meine Mutter darüber, das die weißen Tasten unseres Flügels durch Drecksfinger beschmutzt und auf dem Teppich einige Zigaretten-kippen ausgetreten worden waren. Und ich war hell empört darüber, dass bei meiner am Vortag im Spielzimmer sorgfältig aufgebauten Ritterburg alle meine deutschen Zinnsoldaten in Uniformen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 umgekippt worden waren und man dagegen die blaurot uniformierten französischen Soldaten wieder aufgestellt hatte. Einige Stunden nachher musste dann der große Speisesaal und eine Küche im Haus geräumt werden, um dort 20 Soldaten einzuquartieren und zu versorgen. Vor dem Haus stand daraufhin immer ein Wachtposten, wodurch Haus und Bewohner vor Übergriffen plündernder und wohl auch marodierender Trupps befreiter Zwangsarbeiter geschützt waren.

Der Krieg schien nun für uns ein Ende zu haben und wir Kinder liefen fröhlich und neugierig nach draußen. Im Garten waren die Briten mit ihren Schützenpanzern einfach durch die Umzäunung in den Park hineingefahren, hatten Schützenlöcher ausgehoben und Büsche und Zweige zur Tarnung abgerissen. Die aufgestellten MGs unter den Tarnnetzen zielten alle die Chaussee entlang in Richtung Bremen. An den zahlreichen Wasserkränen für die Blumenbeete standen Soldaten und wuschen sich. Meine Großmutter beschwerte sich prompt darüber beim Offizier über dieses in ihren Augen unsittliche Verhalten in Anwesenheit von Frauen und Kindern, hatte aber nur wenig Erfolg damit. Am schönsten war es jedoch für uns alle, dass wir jetzt wieder oben in unseren Zimmern schlafen durften, jeder in seinem eigenen Bett. Doch es gab noch längst keinen Frieden. Gleich in der ersten oder zweiten Nacht wurden wir jäh aus unserem Schlaf gerissen. Draußen wurde heftig geschossen, Lärm von Tieffliegern ganz in der Nähe und Explosionen ließen das Haus erzittern, dass alle Fensterscheiben klirrten. So schnell sind wir wohl niemals in den Keller gestürzt wie in dieser Nacht. Ein überfallartiger Gegenangriff der Deutschen Wehrmacht hatte dem großen Militärbiwak auf dem Marktplatz gegolten und dort wohl auch ein Munitionszelt getroffen und in die Luft gejagt. Noch in den nächsten Tagen lagen überall Splitter und Blindgänger herum, vor denen wir Kinder auf das Eindringlichste gewarnt wurden.

Mitte Juni wurde die Villa von der britischen Besatzungsmacht beschlagnahmt, diente dieser zuerst als Offizierskasino, verkam dann aber als Durchgangsquartier und wurde erst Jahre später völlig demoliert wieder zurückgegeben. Meine Großmutter wurde in ein Zimmer in der Nachbarschaft des "Kohlhöfen" eingewiesen und musste von dort aus den Niedergang ihres Hauses tatenlos mit ansehen. Wir anderen kamen in Zimmern verschiedener Häuser in der Ledebourstraße unter. Im Sommer 1947 konnten wir dann nach Bielefeld zurückkehren, als unser dort durch den Bombenkrieg beschädigtes Wohnhaus einigermaßen wiederhergestellt war. In den Folgejahren sah ich das Diepholzer Haus und seinen Garten nur noch, wenn ich zu Besuch kam. Dort wohnten mehrere mir fremde Familien, Wohnraum war ja knapp; meiner Großmutter verblieben nur noch zwei Zimmer im Haus. Nach ihrem Tode wurde die ehemals schöne Villa an die Stadt verkauft und später abgerissen. Aber in meiner Erinnerung steht sie dort noch immer inmitten eines blühenden Gartens unter den großen Bäumen an der Stelle, wo ehemals die asphaltierte, mit schattigen Linden gesäumte Chaussee des Esch endete und das leise Geräusch der sich aus Richtung Bremen nähernden Fahrzeuge plötzlich in ein lautes Rumpeln beim Wechsel auf das Diepholzer Kopfsteinpflaster überging.

[Quelle: Diepholz erzählt von Dirk Gerrit Gieselmann und Agnes Sarah Kühn, erschienen im Schröderschen Buchverlag, ISBN 3-89728-063-9 ]