Haake Eckstein

Hotel und Gaststätte Haake Eckstein in St Hülfe (Danke für den Scan der Karte nach Kiel)


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„Aber die schönen Erinnerungen bleiben für immer erhalten.“
Erinnerungen von Rolf Eckstein

Rolf Eckstein (*1935) kam in Diepholz zur Welt und wuchs in St. Hülfe auf. Seine Großeltern führten das Gasthaus Heinrich Haake in Sankt Hülfe. Das Gebäude ist mittlerweile nach mehreren Jahren des Leerstands abgerissen und durch eine Neubau ersetzt worden, in dem die Sparkasse untergebracht ist. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Marburg, Göttingen und Tübingen leitete Rolf Eckstein 1968 für kurze Zeit die neueröffnete Commerzbank-Filiale in Diepholz, bevor es ihn aus beruflichen Gründen zunächst nach Frankfurt am Main und schließlich nach Stuttgart zog. Heute lebt er mit seiner Frau in Dresden. Rolf Eckstein verfasste für diese Veröffentlichung zwei Beiträge, eine Chronik des Gasthauses und einen persönlichen Erinnerungsbericht. Hier liegen beide in verschränkter Form vor: Rolf Eckstein über einen Brand, einen Neuanfang und die behüteten Kindheitsjahre .

Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges machten viele Diepholzer ihren Sonntagsspaziergang nach Sankt Hülfe. Der Fußweg entlang der Bundesstraße 51 war von hohen Laubbäumen gesäumt und führte die Spaziergänger zu ihrem Ziel, dem Kaffeegarten des Gasthauses Heinrich Haake. Schon am Ortseingang wurde das Gebäude für den Besucher als markanter Punkt im Ortsbild sichtbar.
Die Geschichte dieses Anwesens begann mit einem großen Unglück. Im Diepholzer Kreisblatt konnte man darüber lesen: „Im Gastwirt Haakeschen Saal feierte eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft bei Spiel und Tanz; außerdem wollte am kommenden Sonntage der hiesige Kriegerverein sein 20jähriges Stiftungsfest feiern. Die neu eingerichtete Acetylenanlage sollte an diesem Abend zum ersten Male die festlichen Räume beleuchten. Dann geschah das Unerhörte! Kaum 24 Stunden nach dem Schluss der Hochzeitsfestlichkeit schlugen aus dem Haakeschen Hause prasselnd die Flammen lichterloh zum Himmel empor und äscherten in wenigen Stunden Haus und Saal vollständig ein. Ein großes Glück war es, dass vorher ein starker Regen niedergegangen war und völlige Windstille herrschte; infolgedessen waren die Nachbarhäuser, die zum Teil Strohdächer haben, nicht sehr gefährdet. Auch der Kriegerverein von St. Hülfe-Heede hat Verluste zu verzeichnen; neben verschiedenen Requisiten ist auch die Fahne in den Flammen geblieben.“
Der Gastwirt Heinrich Haake ließ sich jedoch nicht entmutigen. Bereits am 15. April 1907 legte er den Grundstein zu einem neuen Wohn- und Geschäftshaus. Dieses Gebäude war nach den Plänen des Kreisbauinspektors Bosse erheblich größer und moderner angelegt. An das Haus schloss sich als einstöckiger Bau entlang der Chaussee der Saal an, in den die Räume für eine Bühne eingebaut waren. Am 10. November 1907 konnte Heinrich Haake sein neues Gasthaus mit einem Konzert am Nachmittag und einem großen Ball am Abend einweihen, bei dem die Drebbersche Kapelle konzertierte.
Heinrich Haake und seine Frau Auguste waren meine Großeltern. Meine Kindheit in Sankt Hülfe war dadurch geprägt, dass ich nicht nur wohlbehütet von meinen Eltern, sondern eben auch von meinen Großeltern aufgewachsen bin. Ein beliebter Aufenthaltsort war für mich immer die Gaststube meines Großvaters - insbesondere, wenn ich dort ein Glas „Regina“, ein süßes Sprudelgetränk, genießen durfte. In guter Erinnerung sind mir auch noch meine rasanten Fahrten mit dem Tretauto durch das geräumige Haus: Vom Flur ging es durch die Gaststube über das Clubzimmer bis in den großen Saal. Zum Haus gehörte ein Hof sowie ein Obst- und Gemüsegarten, der besonders in der Kriegszeit sehr nützlich war. Weniger angetan war ich später als Schüler, wenn es mal wieder hieß: „Die Johannisbeeren und die Stachelbeeren müssen gepflückt werden.“
Mein Großvater führte das Gasthaus bis zu seinem Tode im Jahre 1944. Bereits in den Kriegsjahren konnten das Clubzimmer und der Saal nicht mehr genutzt werden. Der Fliegerhorst hatte seine Personalstelle in das Clubzimmer verlegt, während der Saal nun als Lager für Bekleidungsstücke der Luftwaffe diente. Wenige Tage vor dem Einmarsch der Engländer wurde der Saal von der Bevölkerung geplündert, und noch lange schmunzelte man über diese Begebenheit: Es wurde beobachtet, wie die ziemlich korpulente Frau des Dorfpolizisten versuchte, sich mit tatkräftiger Hilfe von Dritten durch ein schmales Toilettenfenster zu zwängen, um in den Saal zu gelangen.
Ich selbst erlebte das Kriegsende in meinem Elternhaus wie folgt: Aus Richtung Diepholz kommend, passierte ein Motorrad mit zwei deutschen Soldaten in hohem Tempo unser Haus. Sie hatten auf ihrem Rückzug vergeblich versucht, die Grawiedebrücke in Heede zu sprengen. Kurz darauf näherte sich ein englischer Panzerspähwagen. Wir gingen in den Keller und waren zu Tode erschrocken, als zwei englische Soldaten auftauchten und mit meinem Vater den Keller verließen. Es ging aber alles gut, und für uns war der Krieg jetzt zu Ende. Das unbeschädigt gebliebene Gasthaus wurde sofort von britischen Truppen beschlagnahmt. Nur einem sehr deutschfreundlichen Offizier war es zu verdanken, das wir im Hause verbleiben durften, nachdem mit Sperrholzplatten ein separater Eingang geschaffen worden war. Für mich als Zehnjährigen war es natürlich sehr interessant, in so unmittelbarer Nähe zu den Soldaten zu leben. Ich wurde öfters in einem Auto mitgenommen, und es fiel manche Tafel Schokolade ab, was zu der damaligen Zeit etwas Besonderes war. Andererseits haben wir auch viele Schrecksekunden überstehen müssen: Die Engländer hatten nämlich an der Hausmauer einen provisorischen Ofen errichtet, den sie mit Benzin anheizten. Dabei schlugen die Flammen bis unter das Dach. Für uns war es ein Wunder, dass das Haus nicht abgebrannt ist.
Nach Freigabe des Hauses im Jahre 1947 bezog der Nähereibetrieb Wilhelm Bieng die Räume. Doch das sollte nur eine vorübergehende Lösung sein. Mein Vater Otto Eckstein wollte den Gastwirtschaftsbetrieb wieder aufnehmen. Nach gründlicher Sanierung und Erweiterung um mehrere Hotelzimmer wurde das Gasthaus am 1. August 1952 als „Hotel Haake-Eckstein“ wiedereröffnet. Fast zwanzig Jahre führte das Pächterehepaar Heinz und Hertha Lührs das Geschäft mit großem Erfolg. Der Gesangverein und der Kriegerverein hatten hier ihr Zuhause. Beide Vereine haben mit ihren Veranstaltungen viel zum Gemeinschaftsleben des Dorfes beigetragen. Nach dem Verkauf des Hauses musste der Geschäftsbetrieb jedoch alsbald eingestellt werden.
Als ich Diepholz 1969 aus beruflichen Gründen verließ, bin ich immer wieder gern nach Sankt Hülfe zurückgekehrt - es war eben ein richtiges Zuhause. Mein Elternhaus existiert inzwischen nicht mehr, aber die schönen Erinnerungen bleiben für immer erhalten.

[Quelle: Diepholz erzählt von Dirk Gerrit Gieselmann und Agnes Sarah Kühn, erschienen im Schröderschen Buchverlag, ISBN 3-89728-063-9 ]