Überlegung zur Stadtgründung
Betrachtungen zur Stadtgründung
Warum zogen die Edelherren von Cornau nach Diepholz ? Dazu gibt es etliche Geschichten. Die Sage mit den zwei Brüdern und der Taube, Merians Version...
Bei Merian wird gesagt, das die Edelherren nach Diepholz zogen, um sich zu verstecken und das ist auch heute noch die verbreitetste Meinung :
Ist ein Schloß und ein Städtlein dabei, vor Zeite
der nunmehr gänzlich abgegangenen Grafen zu Diepholz
uraltes väterliches Stammhaus und gewöhnlicher Sitz.
Es hat seinen Namen von tief und Holz: tief im Holz gelegen.
Denn wie aus einer alten Tradition berichtet wird,
soll der alte erste Graf bei Kornau seinen Sitz gehabt haben.
Weil er aber wegen Kriegsgefahr und Unsicherheit daselbst nicht ruhig hat bleiben können,
sei er etwas ferner oder tiefer ins Holz und die sumpfigen Örter gerückt.
MERIAN 1620
Bei dieser Geschichte muß man aber bedenken, dass Merian von der Stadtgründung zeitlich genauso weit entfernt ist, wie wir von Merian.
Hier möchte ich zumindest einmal meine Gedanken ins Worte fassen.
Zunächst, wer sich verstecken und schützen will, baut nicht als eine der ersten Maßnamen (um 1160) einen Turm der auf 20 Kilometer zu sehen ist. Vermutlich würde er zunächst versuchen, eine gesicherte Stellung auszubauen und dann vielleicht später einen Wohnturm (Motte) errichten. Dann muß man bedenken, dass der Turm nicht dilettantisch oder einfach gebaut ist, er hat immerhin schon fast 900 Jahre überstanden und ist in seiner Ausführung einmalig. Hier waren Baumeister im wahrsten Sinne am Werk, die Ahnung von Statik und Fundamenten hatten. Und die Steine mußten ausgesucht und behauen werden. Steinmetzte waren in unserer Gegend eher selten. Also waren wahrscheinlich einige Profis angestellt, die auch organisiert und wahrscheinlich gut bezahlt werden mußten. Ein so massiver Turm kostet Unsummen, nicht nur an Arbeitskraft der armen Bauern, sondern auch an Materialkosten. Und die Leistung die tonnenschweren Findlinge zu stapeln und zu mauern ist auch heute noch imposant. Hätte man da nicht schneller und effektiver in einen befestigten Gutshof mit Wall und Graben investieren können ? Und dann später in einen repräsentativen Turm ? Zumindest an viel Geld hat es bei der Gründung des Schlosses nicht gemangelt. Wer hat die Edelherren finanziell unterstützt ? Die Kirche ?
So oder so, es wird sich nicht mehr klären lassen.
Ich persönlich vermute, dass der Grund für den Umzug von Cornau nach Diepholz nicht Angst, sondern Macht und Geld war. Der Schutz durch Moor und Flüsse war ein geplanter positiver Nebeneffekt. Und der gewaltige Turm sollte und mußte den Herrschaftsanspruch deutlich untermauern. Weil die Kirche in Drebber blieb, wählte man ein ähnliches Symbol, einen Turm, der die Bewohner beeindruckt. Aus massivem Naturstein - nicht aus Holz und Ziegeln.
Eventuell gab es Diepholz hier schon als kleines Dorf, das man in den neuen Machtbereich einbeziehen konnte. Macht und Geld, eigentlich Synonyme, gab es durch die St Hülfer Pilgerkirche. Reisende, Pilger, die spenden, die konsumieren, die Übernachten. Kirchen waren mit Sicherheit Garanten für Umsatz - und Pilgerkirchen im Besonderen.
Und schon bestehende Siedlungen vor den Grafen ? Aschen ist als Siedlung uralt, St Hülfe mit dem alten Namen Nutlo sicher auch - aber Diepholz ? Ausgrabungen am Bremer Eck haben Holzproben zu Tage gefördert, die auf das Jahr ± 1000 nach Christus datiert wurden, also rund 150 Jahre vor dem Schlossturmbau. Der Lappenberg mit seinen typischen lappenartigen Ackerflächen scheint auch sehr alt zu sein. Hemtewede war wohl auch schon früh besiedelt, der Dümmer sowieso. (eventuell gab es um 1000 sogar schon das Kloster Burlage, dass 1150 baufällig war. Und nicht zu vergessen die sehr viel älteren Bohlenwege, aber nur sinvoll, wenn es genug Bewohner für einen Handel gibt.
Untypisch scheint mir auch zu sein, dass der Ort nicht um das Schloss gewachsen ist, sondern dass der Ort ausschließlich nördlich lag. Das kann natürlich mit der Bodenbeschaffenheit südlich der Stadt zusammenhängen - oder das die Keimzelle des Ortes schon immer nördlich lag und die Edelherren sich angehängt haben, auf einem freien Platz, um planbar ihren Hofstaat um sich herum aufzubauen. (Burgmannshöfe)
Ich persönlich glaube, dass die Edelherren sich sehr gezielt und sehr planmäßig umgesehen haben, wo sie zukünftig Ihren Machtbereich festigen und ausbauen können. Und nicht aus Angst ins Moor gezogen sind. Da bot sich das bereits existierende Diepholz als zukünftiges Zentrum an. Vielleicht gab es hier schon so etwas wie einen "Sommersitz" der Cornauer Edelherrren. Einkünfte in St Hülfe, mehrere Dörfer nördlich und südlich im nächsten Einflussbereich, das Huntebruch mit viel Bauholz, die fischreichen Flüsse und der Dümmer und natürlich die Moore, die schützen und auch Brennstoff liefern. Wahrscheinlich genauso wichtig, in diesem Bereich gab es noch ein Machtvakuum, keine Mindener oder Osnabrücker, keine Bremer oder Oldenburger hatten ernsthaft Interesse an diesem Gebiet.
Auf Grund der Holzproben vom Bremer Eck hätte man zurecht das Jahr 2000 als Zeitpunkt für 1000 Jahre Diepholz wählen können - Bewohner gab es schon, die künstliche Wege angelegt haben. Das ist sicher.
Dieses sind rein private Überlegungen - beim Betrachten des Schlossturms